Der fromme Zweifler
Es war einmal ein frommer Priester, der diente Gott dem Herrn alle Tage ohne Falsch und lebte ein vollkommenes Leben der Gottseligkeit in solcher Herzenseinfalt, dass alle andern ihn für einen Dümmling hielten. Und doch bewirkte er eben durch diese Einfalt ein Wunder, davon der Ruf weithin erscholl. Nie geschah es, dass er bei seinem Amte etwas versäumt hätte, nie bei seinem Dienste am heiligen Messopfer. Nur einen Zweifel hegte er in seinem Herzen: er glaubte nicht, dass Brot und Wein von des Priesters Worten verwandelt wären in den wahren Leib und das wahre Blut unseres Herrn Jesu Christi. Zu ihm kamen zwei heilige Väter und sprachen: «Vater, du sollst glauben nach der Christenheit Lehre. Gott machte Adam nach seinem Bilde von lauter Erden, dem mag niemand widerreden. Derselbe Gott macht auch diese Wandlung, der Christenheit alle Tage zu Troste und zu Hilfe eigentlich und wahrlich!» Doch jener Priester ward nicht belehrt und sprach: «Ich muss das mit Augen sehen, oder ich kann es nicht glauben!» Sie aber sahen, dass er’s in Einfalt tat, und liessen ihn Gott bitten ohne Unterlass, dass’ er ihm die Heiligkeit geruhe zu offenbaren. Einmal aber nahm er Hostie und Wein von der Messe zur Probe mit heim und verschloss beides in einem Schreine, um zu schauen, ob hier die Wandlung sich vor seinen Augen erwahren werde. Als er am Abend des ersten Tages das Schränklein auftat, gewahrte er, dass die Stücklein der Hostie, die im Kelche lagen, sich rot gerändert hatten. Dies rühre wohl vom Kelchwein her, dachte er bei sich und schloss einstweilen alles wieder ein; allein am Morgen drauf war alles rot wie Blut geworden. Am zweiten Tage ward es gar geronnen Blut, dann mehr und mehr zu Fleisch und Gliedmassen, und am dritten Tage endlich, siehe, da nahm es wirklich eines Kindleins Gestalt an, das bis zum Abend’ sich in allen Teilen vollkommen ausgeformt. Erschauernd ob dem Ungeheuren, was geschehen, und ratlos vor seiner Tat und was daraus noch werden wolle, trat der Priester vor seinen Bischof, fiel ihm zu Füssen und bekannte ihm unter heissen Tränen der Reue seine frevelhafte Neugier. Allein der Kirchenfürst, der vordem oftmals schon an dem törichten Menschen Ärgernis gehabt, gab diesmal kein Gehör, sondern schob ihn unwirsch zur Türe hinaus.
Doch das war allzu jäh und hart getan, und eine höhere Macht und Mündigkeit begann zu walten: «Warum», so fragte den Bischof des Nachts im Traume eine Stimme, die nicht von der Erde war, «warum hast du die Reuebeichte jenes Einfältigen nicht einmal anhören
wollen? - Und ich, ich habe es nicht verschmäht, so ungeheuerliche Sünde von ihm zu dulden!» In Demut erkannte der Bischof seine Geistespflicht, und früh beim Tag schon liess er gleich jenen Priester zu sich rufen und hörte seine Rede an. Und alsdann ging’s im heiligen Aufzug mit Kreuz und Heiligtümern dem Pfarrhaus zu. Hier fand man in dem Kelche das ausgestaltete Kindlein und trug es gleich in höchster Andacht und Verehrung in die Kirche der Franziskaner.
Da wird es noch heutigen Tages, in Kristall gefasst, den Gläubigen vorgewiesen. Und alle erblicken wirklich das Knäblein, doch schier ein jeder auf andere Weise: die einen sehen es am Kreuze hangen, die andern schauen den Gegeisselten, einige den Kreuztragenden und einige den Auferstandenen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch