Der reumütige Sünder
Zu Paris war einst ein Student, der hatte so grosse Sünde getan, dass er in grossen Kummer fiel, denn auf der Hohen Schule las er in einem Buch, dass, wer nicht beichte seine Sünden, Gottes Kind nicht werden könne und der Ewigkeit verloren sei. Das nahm er sich also sehr zu Herzen, dass er beschloss, seine Sünde zu beichten. Wie er nun vor den Beichtvater trat, da begann er vor Reue also sehr zu weinen, dass er nicht beichten konnte vor lauter Tränen. Der Beichtiger sprach zu ihm: «Mich wundert, wie das möge sein, dass du nur deine Sünde nicht klagen kannst.» Der Schüler sprach: «Meine Sünden sind also gross, dass ich sie nimmermehr sagen kann.» Der Beichtiger sagte:« Nun, so schreibe deine Sünden mir auf, dass sie nicht ungebeichtet bleiben.» Da ging der Schüler hin und schrieb seine Sünden in einen Brief und ging wieder zu dem Beichtiger. Aber wiederum musste er also sehr weinen, dass er ihm den Brief kaum bieten konnte. Der las den Brief, aber so gross waren die Sünden, die da verzeichnet standen, dass er ihm Busse nicht geben konnte. Er ging vor seinen Oberen und sprach: «Mir hat gebeichtet ein Mann, dem kann ich Busse nicht geben, so gross sind seine Sünden. Nehmt hier den Brief und leset selber, was darin geschrieben ist.» Der Obere nahm den Brief und las. Aber wie er das Blatt entfaltete, siehe, da war die Schrift getilgt. «Ich weiss nicht, was das ist», sprach er, « aber hier steht nichts geschrieben. Gott hat ihm seine Sünde gewisslich vergeben.»
Kein Sünd’ ist so gross, das glaube mir,
Hescht du Rüw, Gott vergit sie dir.
Daran niemer zwyflen soll,
Gott ist aller Gnaden voll.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch