Mutabor Märchenstiftung

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Das Märchen vom Buben, der Papst geworden ist

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Zaubermärchen

Im Wallis lebte einmal ein alter Graf; der hatte nur einen einzigen Sohn, Hanse geheissen, aber der war dumm und konnte nichts lernen. Da sprach der Vater: «Höre, mein Sohn, ich bringe nichts in deinen Kopf, ich mag es anfangen, wie ich will. Du musst fort von hier! Ich will dich einem berühmten Meister übergeben, der soll es mit dir versuchen.» Also ward der Junge in eine Stadt geschickt, fern in deutschen Landen, und blieb bei dem Meister ein ganzes Jahr. Als die Zeit um war, kam er wieder heim, und der Vater fragte: «Nun, mein Sohn, was hast du gelernt?» «Vater, ich weiss jetzt, was die Frösche quaken!» antwortete er. Der Vater aber machte ein langes Gesicht und rief: «Dass Gott erbarm! Ist das alles, was du gelernt hast? Zu solchen Torheiten hab’ich dich wahrlich nicht in die Fremde gegeben für teures Geld. Ich will dich in eine andere Stadt zu einem anderen Meister tun!» Und er versah ihn mit Geld und ermahnte ihn, recht fleissig zu sein, und der Bursche zog wohlgemut von dannen und blieb bei dem neuen Meister auch ein Jahr. Als er wieder nach Hause kam, fragte der Vater wiederum: «Mein Sohn, was hast du gelernt?» Er antwortete: «Vater, ich weiss jetzt, was die Hunde bellen!» Da geriet der Vater in Zorn und sprach: «O du Taugenichts, hast die kostbare Zeit hingebracht und nichts gelernt und schämst dich nicht, mir unter die Augen zu treten? Aber ich will es noch einmal mit dir versuchen und dich zu einem dritten Meister schicken, wenn du versprichst, mit Ernst und Eifer zu lernen. Aber lernst du auch diesmal nichts, so will ich dein Vater nicht mehr sein!» Auch bei diesem Meister blieb der Sohn ein ganzes Jahr, und als er wieder nach Hause kam und der Vater fragte: «Mein Sohn, was hast du gelernt?» so antwortete er: «Lieber Vater, ich weiss jetzt, was die Vögel singen.» Da geriet der Vater ausser sich vor Zorn, sprang auf und rief: «O du verlorener Mensch! Du bist mein Sohn nicht mehr! Ich stosse dich aus von Heim und Hof, hinaus in den wilden Wald. Dort magst du als mein niederster Knecht das Vieh hüten und lernen, was ehrliche Arbeit ist!» - So hütete denn Hanse als armer Hirte die Herde seines Vaters. Als er nun Tag für Tag bei den Schafen sass und ihm die Zeit lang wurde, sah er einmal zwei Fremde des Weges kommen. Die grüssten den Hirten und erzählten ihm: «Wir wandern in die Welt, um unser Glück zu machen!» - «Ach, nehmt mich mit», bat Hanse, «ich will euch ein guter Geselle sein! Aber Reisegeld hab’ ich keines!» Den beiden Wanderern gefiel der Bursche, und sie sagten: «Ei, komm nur mit! Alles andere lass unsere Sorge sein!»

So zogen die drei talab. Ihr Weg führte an einem Sumpf vorüber; auf dem Wasen sassen die Frösche und quakten. Hanse horchte und sagte: «Ihr Herren, wisst ihr, was die Frösche schreien?» - «Wie sollen wir das wissen, du Narr!» erwiderten sie und lachten. « Weisst du es etwa?» - « Sie sagen, in dem Dorfe, wo wir heute über Nacht sein werden, liege eine Frau krank im Bette. Der eine der Frösche halte eine ungeheiligte Hostie im Maule, wenn man die nehme und von dem Pfarrer segnen lasse und der Frau zu schlucken gebe, werde sie sofort genesen, sonst müsse sie bald sterben!» - Die beiden Gesellen lachten den Hanse aus ob dieser sonderbaren Rede und hielten alles für eitel Lug. Aber als sie in das Dorf kamen, wo sie übernachten wollten, vernahmen sie, eine Frau liege sterbenssiech im Bette, niemand wisse warum, kein Doktor könne ihr helfen. Hanse aber hatte die Hostie aus dem Maul des Frosches im Sack. Gleich lief er zum Pfarrer und liess sie segnen. Die Frau nahm sie ein, und auf der Stelle stand sie gesund und stark von ihrem Lager auf. Voller Freuden dankte sie dem fremden Burschen gar sehr und fragte, wie sie ihm lohnen sollte, was er an ihr getan. « Oh, es ist gern geschehen und nicht der Rede wert. Ich will nichts.» Da gab ihm die Frau einen ganzen Beutel mit Goldstücken, und nun hatte Hanse die Tasche voll Geld wie seine Genossen.

Am andern Morgen wanderten sie ihre Strasse weiter. Aber die beiden Weggefährten waren neidisch geworden, weil Hanse mehr wusste und konnte als sie, und so fingen sie mit bösen Schmähworten Streit an. Doch Hanse hörte nicht darauf und antwortete ihnen nicht. Gelassen sass er am Strassenbord ab und liess jene allein weiterziehen. Als sie seinen Augen entschwunden, wanderte auch er weiter und kam gen Abend in den Leuker Grund. Auf der Burg bat er um ein Nachtlager. «Ja», sagte der Burgherr, «wenn du da unten in dem alten Turme übernachten willst, so gehe hinab; aber ich warne dich. Hüte Leben und Leib! Er ist voll wilder, blutgieriger Hunde, die bellen und heulen in einem fort und zerreissen jeden, der ihnen zu nahe kommt. Eben erst haben sie zwei fremde Wanderburschen zerfleischt.» Hanse verstand, dass es seine Reisekameraden gewesen seien. Aber der Burgherr erzählte ihm noch weiter, wie die Hunde von Zeit zu Zeit Menschenfleisch haben wollten, und dann müsse man ihnen halt jedes Mal einen Menschen vorwerfen, sonst brächen sie los und würden in ihrer Wut niemand verschonen. Die ganze Gegend sei darüber in Trauer und Leid, und könne doch niemand helfen. Der Jüngling aber war ohne Furcht und sprach: «Lasst mich nur hinab zu den heulenden Hunden. Gebt mir ein Brot mit, dass ich ihnen etwas vorwerfen kann. Mir sollen sie nichts tun!» Weil er nun selber nicht anders wollte, so gaben sie ihm ein Brot mit und brachten ihn zum Turm. Als er über die Schwelle trat, bellten ihn die schwarzen Hunde nicht an; freundlich winselnd wedelten sie mit ihren Schweifen um ihn herum und krochen vor ihm auf dem Boden, frassen zahm die Brocken, die er ihnen austeilte, und ritzten ihm mit keinem Zahn die Haut. - Als am andern Morgen der Burgherr aufgestanden war, sah er zu seinem Staunen Hanse unverletzt und munter vor sich stehen. «Die Hunde», sagte dieser da zu ihm, «haben mir in ihrer Sprache kundgetan, warum sie da hausen und dem Lande Schaden tun. Sie sind verwunschen und müssen einen grossen Schatz hüten, der unten im Turme vergraben liegt, und eher nicht werden sie Ruhe geben, als bis er gehoben ist. Und wie dies zu geschehen hat, das habe ich ebenfalls aus ihren Reden vernommen.» Da freuten sich alle, die das hörten, und der Burgherr segnete Hanse und versprach, ihn an Sohnes Statt anzunehmen, wenn er das begonnene Werk glücklich vollbrächte. Also stieg Hanse nochmals in den tiefen Turm, und weil er wusste, was er tun musste, so gelang ihm alles wohl, und er brachte eine kostbare Truhe voller Goldes herauf an den Tag! Das Geheul der wilden Hunde ward fortan nie mehr gehört. Sie waren verschwunden, und das Land blieb auf immer von der Plage befreit.

Über eine Zeit aber kam es Hanse im Traume vor, er wollte nach Rom fahren. Und so nahm er Abschied von den guten Leuten auf der Burg und zog aus. Wacker schritt er fürbass und kam an jenem Tag bis vor das Städtchen Sitten. Hoch oben in der Krone eines mächtigen Nussbaumes sangen und pfiffen die Vögelein gar wundersam. Hanse horchte auf, und als er vernahm, was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig. Endlich langte er in der Stadt Rom an; da war gerade der Heilige Vater gestorben, und die Kardinäle waren ratlos, wen sie zum Nachfolger wählen sollten.

Sie wurden zuletzt rätig, derjenige sei würdig, zum Papste erkoren zu werden, an dem Gott sein Wohlgefallen durch ein Wunderzeichen offenbaren würde. Und eben als das Wort beschlossen war, im selben Augenblick trat Hanse in die Kirche, und aufs Mal kamen zwei weisse Tauben geflogen und setzten sich auf seine beiden Schultern. Die versammelten Kirchenväter erkannten darin das erwünschte Wahrzeichen Gottes und fragten den Jüngling auf der Stelle, ob er Papst werden wolle. Hanse aber zweifelte in seiner Seele und wusste nicht, ob er solchen Amtes wert und würdig wäre. Aber die Tauben redeten ihm zu: «Tu es! Tu es!» Und endlich sagte er ja. Da ward er gesalbt und geweiht. Also hatte sich erfüllt, was er unter dem Nussbaum am Wege gehört hatte, dem Vogelgezwitscher lauschend, wovon er so still und traurig geworden: dass er der Heilige Vater werden sollte. - Und alsbald musste er eine Messe singen und wusste doch kein Wort davon. Aber die zwei Tauben sassen stets auf seinen Schultern und sagten ihm alles ins Ohr.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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