Mutabor Märchenstiftung

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Wie die Aargauer Städte den heiligen Vater bewirtet haben

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Schwank

Die grosse Kirchenversammlung zu Konstanz am Bodensee war zu Ende. Und Martin, der Fünfte dieses Namens, war zum Papste gewählt, und jetzt gedachte er ins Welschland heimzureisen. Am 16. Mai 1418 machte er sich von Konstanz auf mit einem Gefolge von 6000 Rossen und mehr als zwanzig Kardinälen mit Schreibern, Dienerschaft und Sack und Pack. Aber schon in Schaffhausen musste er der engen Strassen und bösen Wege halber einen Teil seines Trosses zurücklassen, wenn er rascher fortkommen wollte, denn am 20. Mai erwartete man ihn in Bern. So kam er mit verringerter Begleitung nach Brugg, das erste Aargauer Städtlein auf dem Wege dahin, und hielt allda sein Nachtlager. Die Bürger von Brugg wollten seiner Heiligkeit das Allerbeste bieten, was rings um ihre Mauern wächst, und man kochte ihm eine süsse rosenrote Kirschensuppe. Martinus nahm Vorlieb mit dieser farbigen Fastenspeise und ritt des andern Tages in das nächste Städtchen, Lenzburg. Und wieder taten die Bürger ihr Bestes, die päpstliche Tafel mit der vorzüglichsten Speise zu besetzen, die sie hatten, und man trug einen Schabziegerstock auf, grünlich von Farbe, ätzend von Geruch und hart wie Stein. «Hm, auch wieder ein Fasttag!» dachte der Papst und suchte sobald als tunlich, von der Tafel weg in die frische Luft zu kommen, und reiste gen Aarau weiter, das nur zwei Stunden entfernt ist. Die Aarauer stellten dem hohen Gaste einen däftigen Brei auf, so pappig und zäh, dass die Löffel drin bsteckten. «Wie strenge die Aargauer alle mein Fastenmandat halten!» seufzte der blöde Magen des Heiligen Vaters. Aber da es mittlerweile Abend geworden war, schlief man vor Müde bald ein. Am andern Morgen ging’s zwei Stunden weiter nach dem Städtlein Olten. Aus einem rasch getanen reichen Fang auf den Wässerwiesen vor den Toren kochten die Oltener dem hungrigen Oberhaupt der Christenheit eine breite Froschsuppe. Denn Fröschenschenkel gelten ihnen als der feinste Leckerbissen. «Ja, das sind mir Christen von der striktesten Observanz!» sprachen die Kardinäle und sahen süsssauer drein. Doch Schloss und Stadt Aarburg liegt so nah, dass es mit seinen Turmspitzen schier gar in die Froschgräben von Olten hineinschaut. Und schleunig brach man dahin auf. Aber in den Hägen und Hürsten um Aarburg kriecht’s und kreucht ’s von ungezählten Scharen feister Schnecken, der Festtagskost der Bürger dieser Stadt. Was Wunder also, dass sie dem hochwerten Besuch ein leckeres Gericht davon vorsetzten.

Fünf Fastenmahlzeiten hintereinander nach schlechten Wegen und harten Betten, nein, das war auch dem Apostelfürsten zu viel. Nur mit langen Zähnen hatten seine verwöhnten Römer diese Kost berührt; und er selber hatte das Mahl nur als Schauessen eingenommen. Seufzend bestieg er sein Maultier und ritt in banger Erwartung Zofingen zu. Und so hart liess der Heilige Vater sein Reittier traben, dass die zwei Stunden in eine zusammenschrumpften. Kaum aber war er im Moritzstifte abgestiegen, so stellten sich mit Kreuz und Fahne zwölf Schulerbuben ein, mit Mänteln und Chorröcken angetan, und hiessen ihn mit einer Ansprache in lateinischen Versen wohllautend willkommen. Ohe jam satis! - Schon wollte dies fatale Wort des Überdrusses den Lippen des Vielgeprüften entfliehen, siehe - da senkten sich Fahnen und Prozessionshimmel, die Reihe trat auseinander und durch sie hindurch schritt herzu ein gewaltiger Mastochse die vergoldeten Hörner mit Blumenkränzen umwunden über und über behangen mit Hahnen, Fasanen, Wachteln und Rebhühnern.

Seit dieser Zeit heissen die Brugger: Chriesisüppler, die Lenzburger: Schabziegerstöckli, die Aarauer: Pappehauer, die Oltener: Frösche, die Aarburger: Schnecken, die Zofinger aber: Ochsen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch