Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Gut gemeint und ganz gefehlt

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Schwank

Von alters war der Bischof von Sitten der allgewaltige Herr und Meister im Wallis, gleichermassen gefürchtet und verehrt, und wer sich in die Welt zu schicken wusste, suchte seine Huld zu gewinnen. Eines Tages ging der Präsident von Isérable gen Riddes nach Neuigkeiten. Als er gegen Abend ins Dorf zurückkam, da liess er den Weibel die Trommel rühren und den Bürgern kundmachen: der alte Bischof sei gestorben, und soeben habe sein Nachfolger das Amt angetreten. Er sei der Meinung, man solle dem neuen Herrn von der Gemeinde wegen ein würdiges Geschenk machen. Das deuchte alle wohlgesprochen, und der Rat beschloss, dass jede Haushaltung dem gnädigen Herrn eine Brente Milch verehren solle.

Am nächsten Morgen zogen alle Hausväter von Isérables miteinander nach der Hauptstadt mit wohlgefüllten Brenten. Doch vor den Toren machten sie halt, um ein bisschen zu verschnaufen. Der Präsident benutzte die Gelegenheit, um seinen Mannen noch die nötigen Anweisungen zu erteilen, damit sie alle sich auch ja recht höflich und geziemend beim Empfang benähmen. Er beschloss seine Ermahnungen mit den Worten: «Im Übrigen werde ich als erster den Palast des Bischofs betreten. Ihr werdet hinter mir drein kommen und wohl darauf achtgeben, was ich tue. Und was ihr mich tun seht, das tut auch. Dann kann’s nicht fehlen.»

Und man betrat die bischöfliche Residenz. Zuerst kamen sie durch einen langen Gang, dann ging’s eine breite Treppe hinauf, und man stand vor dem Empfangssaal. Der Kirchenfürst in vollem Ornat sass im Hintergrunde auf seinem prächtig verzierten Thronstuhl, umgeben von seinen Würdenträgern. Der Präsident stellte sich ihm vor, die Brente auf dem Rücken. Aber in der Aufregung stolperte er über seine eigenen Beine und fiel - pladatsch - längelangs zu Boden grad aufs Gesicht, und das kostbare Nass floss über die Fliesen. Aber ehe er wieder recht auf die Beine gekommen, da warf sich schon der nächste hin - denn sie hatten, der Mahnungen eingedenk, genau achtgegeben, und so einer nach dem andern. Der Bischof aber und seine Chorherren verliessen ganz verstört den Saal, bis zu den Knien in Milch watend, noch schlimmerer Dinge gewärtig.

Die wackeren Mannen von Isérables wurden samt und sonders gefangengesetzt und streng bestraft, weil sie ihren Herrn solchermassen beleidigt. Und sie kamen ganz empört heim ins Dorf und beklagten sich weidlich über den neuen Herren, der ihnen ihre Gaben zu seiner Ehre mit Stockschlägen vergolten hätte.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch