Das Mädchen ab der Schratten
Zur Zeit, als das Tal unter der Schrattenfluh von Heiden bewohnt war, lebte in jener Gegend ein überaus schönes Mädchen. Es sei ein Findling, sagten die Leute, von einer wandernden Völkerhorde dort verloren, oder das Kind eines fremden Zauberers oder gar eines bösen Geistes Geschöpf. In rauhe Tierfelle gehüllt, schweifte die Jungfrau mit Bogen und Speer in der Wilde herum und trat nur dann unter das Volk, wenn den Göttern ein Opfer dargebracht ward. Sie war nur das Mädchen ab der Schratten geheissen.
Da kam der heilige Justus, Sankt Beatus’ Geselle, in das Tal und hub an, den neuen Glauben zu verkünden, und die meisten Bewohner liessen sich taufen. Von da an war die Jungfrau verschwunden, und niemals hat man sie nachmals mehr im Tale gesehen. Nur einmal noch begegnete ihr ein Jäger auf dem Heimweg von einer beutelosen Jagd. Der hiess mit Namen Ingur und hatte sich nicht abgewandt vom Dienst der alten Götter, obgleich sein eigen Weib dem Worte Gottes bereits Ohr und Herz geöffnet. Wortlos winkte das Mädchen dem Manne, dass er ihr folge, und führte ihn zu einer Höhle, die tief in den Berg ging, und hing ihm zwei frischerlegte Rehe über die Schulter. Dann reichte sie ihm einen schwarzen Ring und sprach: «Solang du diesen Ring am Finger trägst, wird weder Unsal dich schlagen noch Not an dich kommen. Doch nicht eher darfst du ihn an den Finger stecken, als bis dein Pfeil das Herz des fremden Lehrers durchbohrt hat, der da ein Feind ist unserer Götter. » Ingur stieg zu Tal und forschte alsbald nach dem Christen. Der aber war wieder über die Berge gegangen an die Gestade des Thunersees. Und Ingur musste abstehn von seiner Tat. Voller Zorn und Ingrimm verstiess er sein frommes Weib und irrte rasend im Walde umher. Da aber überkam ihn aufs Mal ein wilder Mut: er nahm den Ring und steckte ihn an den Finger. Da zerschliss ein Blitz die Luft, ein Donnerschlag dröhnte – Ingur lag entseelt am Boden.
Von Stund an hat kein Menschenauge die schöne Jungfrau mehr erblickt, durch Hunderte und aber Hunderte von Jahren. Erst in späten Tagen sah man sie zu Zeiten wieder unten im Tal, das Antlitz von stummem Schmerz verzerrt, mit aufgelöstem Haar. Sie trat in die Häuser und brachte allemal den Frauen, deren Männer in den Krieg gezogen, die Kunde von ihrem Tod.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch