Vom heiligen Lucius
Im fernen Britenlande lebte einst ein mächtiger und reicher König, Lucius geheissen. Der war von Jugend auf eines frommen, redlichen und aufrechten Gemütes. Ob er gleich den Christen nicht abhold war, so beugte er seine Knie noch vor den alten Göttern, ehe er seines Vaters Thron bestieg. Nachmals aber neigte sein Herz sich vollends zu der Christen Glauben, und er ward im rechten Glauben unterwiesen und empfing die heilige Taufe. Da aber ward er durch den Heiligen Geist entzündet und angetrieben, dass er Krone und Szepter von sich tat und willig Armut und Heimatlosigkeit auf sich nahm; er ergriff den Wanderstab und zog auf Pilgerweise aus England fort übers Meer, dass er den Heiden auf dem Festland Gottes Wort verkünde.
Nach langen Wegen kam er gen Augsburg im Land der Schwaben. Doch die Bewohner bedrohten den Glaubensboten, so dass er aus jenen Gegenden sich enthob und den Weg nach Rätien nahm. Nach manchen Bedrängnissen und Mühsalen aller Art stieg er über den Berg ob Maienfeld auf die Stadt Chur zu. Und heute noch heisst der Pfad, den er begangen, nach ihm die Luziensteig.
Eines Tages ruhte Lucius im Steigwald am Fusse des steilen Falknis von seiner langen Wanderung. Da sah er eine arme alte Frau, die keuchend eine Bürde Holz auf einem Wägelein den Berg heraufzog. Der fromme Mann erbarmte sich ihrer und spannte einen wilden Bären davor und führte ihr das Holz vor ihre Hütte. Und dieser Bär folgte ihm fortan auf Schritt und Tritt.
Die Heiden aber im wilden Rätierlande wollten seine Botschaft nicht hören; sie höhnten den Mann Gottes mit schändlichen Worten, warfen ihn mit Steinen und schlugen ihn mit Fäusten. Schliesslich griffen sie ihn und warfen ihn wilden Tieren in einer Grube vor. Aber die Bestien verschonten ihn, krochen ihm schmeichelnd zu Füssen und liebkosten ihn, als wären sie junge Hunde. Wie die Heiden das sahen, da erstaunten sie, dass den Christen sogar die wilden Tiere gehorsam wären, und sprachen: «Sein Gott ist wahrlich stärker als unsere Götter!» Und sie bekehrten sich und liessen sich taufen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch