Kaiser Karl und die Schlange
Als Kaiser Karl zu Zürich in dem Hause, genannt zum Loch, wohnte, liess er eine Rügesäule aufrichten und daran eine Glocke hängen, und wer Recht begehrte, sollte die Glocke eigenhändig läuten, es sei, wann es sei, ja selbst, wenn der Kaiser am Mittagsmahl sitze. Wenn sie anschlüge, dann sollte der Richter, der dazu bestellt wäre, herauskommen und einem jeden nach der Gerechtigkeit tun.
Eines Tages nun, als Karl zu Tische sass und die Kaiserin bei ihm, geschah es, dass die Glocke erklang. Karl liess fragen, wer da sei. Die Diener schauten nach, fanden aber niemand beim Seile. Es läutete aber wieder in einem fort. Karl liess abermals nachsehen. Es war aber wiederum niemand da. Das geschah zum dritten Male. Da stand Karl alsbald auf und sprach: «Ich glaube, es ist ein armer Mensch, den ihr nicht wollt vor mich kommen lassen», und er ging selbst. Und als er zu der Glocke kam, da war da ein grosser Wurm, der hatte seinen Schwanz um den Strang geschlungen, und zog die Glocke, gerade als ob er sagen wollte: komm herab Richter; und wie er Karl sah, glitt er ab der Glocke und kroch gegen ihn hin und bewegte seinen Schwanz, als wollte er sich neigen, und nachdem er dem Kaiser also die Ehre erwiesen, wie er konnte und vermochte, schlich er vor ihm hin an das Ufer des Flusses bis zu einem grossen Nesselbusch und zeigte diesen Karl. Da hiess der Kaiser seine Diener nachsehen, was in dem Busche wäre. Da war eine übergrosse Kröte dem Wurm auf seine Eier gesessen, und das klagte er Karl. Da dies Karl sah, setzte er sich auf seinen Richterstuhl, dem Wurm sein Recht zu geben, und er sprach das Urteil, dass man die Kröte solle spiessen und töten. Und das ward vollbracht.
Als Karl des anderen Tages wiederum zu Tische sass und die Kaiserin bei ihm, da kam aufs Mal der Wurm in den Hof gekrochen und schlich die Treppe hinauf. Die Diener erschraken und meldeten es Karl. Karl sprach: «Bei Leib und Gut, tut ihm kein Leid und lasset ihn vor mich kommen. Wer weiss, was es bedeutet, Gott ist ein wunderbarer Gott.» Als nun der Wurm vor Karl kam, wand er sich auf den Tisch und mit seinem Haupt stiess er an den goldenen Pokal, der vor Karl stand, und bedeutete ihm, dass er den Deckel abhebe. Karl tat dies. Da senkte der Wurm das Haupt in den Becher und liess einen Stein hineinfallen und zog das Haupt wieder heraus, verneigte sich vor Karl und der Kaiserin, glitt vom Tisch und schlüpfte schnell hinweg. Wie Karl den Stein im Becher sah, freute er sich und meinte, dass es etwas Gutes bedeute, und gewann solche Liebe zu dem Stein, dass niemand davon sagen kann.
An dem Orte, wo der Schlange Nest gestanden, liess Karl eine Kirche bauen, und die hiess man die Wasserkirche. Den Stein aber schenkte er seiner Gemahlin, Fastrada mit Namen, die er sehr liebte, und von dem Tage an noch mehr liebte, so dass er abwesend vor Sehnsucht trauerte und seine Taten vergass; denn es wohnte dem Ringe ein geheimer wundersamer Zauber inne. Und also liebte Karl seine Gemahlin, bis sie krank ward und starb. Das aber geschah in der Stadt Frankfurt am Main. Von da ward ihr Leichnam erhoben und gen Mainz geführt, ihn allda zu bestatten. Aber der Kaiser wich keine Stunde von der Toten und duldete nicht, dass man sie von ihm entferne, denn es band ihn des Steines Zauber wie zuvor an die Lebende, so jetzt an die Tote. Er sass bei dem Leichnam, küsste und umarmte ihn und redete zu ihm, als ob er noch lebendig wäre. In ihrer Todesstunde hatte die Kaiserin den Stein unter der Zunge geborgen. Und wohin auch Karl sich begab, so führte er den Leichnam mit sich. Das aber ward den Leuten des Kaisers auf die Länge ganz unleidlich, fort und fort den Stank der Verwesung zu atmen, und endlich ahnte des Kaisers Oheim, der weise Erzbischof Turpin, dass hier ein Zauber walte; er suchte und fand den Stein unter der Zunge liegend, nahm ihn weg und steckte ihn zu sich. Und zur Stunde wich der Zauber von Fastradens Leichnam, die dem Kaiser bislang noch immer schön und frisch und blühend wie eine Schlafende erschienen war - jetzt erbebte er vor dem Anblick und wollte sie nicht mehr sehen. Also kehrte sich des Kaisers Liebe von seiner toten Gemahlin, und sie ward bestattet. Aber nun wandte sich Karls ganze Liebe dem Erzbischof zu, den er gar nicht mehr von sich lassen wollte. Aber als jener einmal mit dem Kaiser gen Köln fuhr, da sah er unterm Frankenberge einen schönen See, der war still, tief und heimlich. Da hinein warf er den Stein. Und alsbald liess die Liebe Karls Herz und wandte sich diesem Gewässer zu, und er wollte nimmer von ihm scheiden. Er liess sich ein Schloss zur Wohnstatt auf dem Berge über dem See bauen. Da weilte er nun immerdar, die Augen auf den See gerichtet.
Also ist Aachen gegründet worden, des Kaisers liebste Pfalz. Und Karl gebot, dass man ihn nach seinem Tode allda im Münster begraben solle, befahl auch, dass alle seine Nachfolger an dieser Stätte vor ihrer Krönung sich sollten salben und weihen lassen, was auch also geschehen ist mit einer langen Reihe deutscher Kaiser bis nahe an die Zeit, da man nicht mehr deutsche Kaiser zu salben und zu krönen hatte, und das Reich ein Ende genommen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch