Der ungetreue Erzgiesser
In den Tagen Karls, des grossen Kaisers, lebte ein Meister in allen Werken von Erz und Glas, Tanko geheissen, ehedem Mönch zu St. Gallen, unerreicht in seiner Kunst. Der hatte einst eine überaus schöne Glocke gegossen, die tönte so voll und rein, dass der Kaiser den Klang aufs höchste bewunderte. Da stach der Hochmut den wackeren Meister der Glocke, dass er sprach: «Herr Kaiser, schafft mir genug des Kupfers, dass ich es lauter koche, und statt des Zinnes, gebt soviel Silber mir, als nötig, mindestens hundert Pfund, und ich will Euch eine Glocke giessen, dass diese hier im Vergleich dazu stumm Euch deuchen wird.»
Karl, aller Könige mildester Herr, dem die Fülle der Schätze aus der ganzen Welt zuströmte - aber sein Herz hing nicht daran - er gebot alsbald, dass jenem gegeben werde, was er begehre. Tanko aber nahm alles und ging froh davon. Er schmolz das Erz und kochte es lauter, aber statt des Silbers tat er sorgfältig gereinigtes Zinn dazu. Und so goss er in kurzer Frist aus dem verfälschten Metall eine Glocke, und die war in der Tat noch viel schöner als jene andere so wohlgelungene Glocke. Er prüfte sie und führte sie dem Kaiser vor. Der konnte das Werk nicht genug bewundern, so unvergleichlich war die Form. Und er hiess, einen Schwengel von Eisen darin anbringen und sie alsdann im Glockenturme aufhängen. Das geschah auch ungesäumt. Nun mühten sich der Küster und die übrigen Kirchner, und nach ihnen auch fahrende Schüler, einer wie der andere, sie läuten zu machen. Aber keinem gelang es. Am Ende ward der Meister ungeduldig und ergriff selber den Strick und zog den Glockenstrang, aber da brach der schwere Schwengel aus der Mitte heraus, traf seinen schuldigen Scheitel und fuhr ihm durch den ganzen Leib samt allen Eingeweiden, bis auf die Erde. Das Silbergewicht aber, darum er Karl, den Kaiser, betrogen, fand man unversehrt in seiner Werkstatt, und der gerechte Karl liess es verteilen unter die Armen der Pfalz.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch