Mutabor Märchenstiftung

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Wie Kaiser Karl Hoffart und Prunksucht demütigte

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Sage

Einmal hielt Kaiser Karl eine Weile in einer Stadt seines Reiches sich auf, denn der Bischof dorten war gestorben, und er musste ihm einen würdigen Nachfolger bestellen. Wie alle Franken liebte Karl es, sich frei zu tummeln wie im Kriege, so auf der Jagd. Und eines Sonntags nach der Messe sprach er zu seinem Gefolge: «Auf, lasset uns auf die Jagd gehen und nicht eher ruhen, als bis wir ein Wild erlegt, auf dass wir nicht in Müssiggang erschlaffen und träge verliegen. Aber ein jeder ziehe aufs Weidwerk aus in dem Kleide, das er eben jetzt just anhat.»

Es war aber ein kalter Regentag, und Karl selbst trug einen schlichten Schafpelz, wie weiland der heilige Martin einen getragen und mit dem Bettelmann geteilt. Die andern Herren alle aber gingen in ihren Sonntagskleidern einher, gar prächtiglich geschmückt mit den Bälgen morgenländischer Vögel, mit schimmernder Seide gefüttert, oder mit des Pfauen Hals und Rücken und bunt schillerndem Schweif, mit tyrischem Purpur oder safrangelben Bändern besetzt. Andere hatten köstlich gewebte Mäntel umgeworfen, wieder andere Pelzwerk von Haselmäusen. Dergestalt ging’s durch Wald und Wilde, und am Ende kamen sie heim, zerrissen und zerschlissen von Astwerk, Gestrüpp und Dornicht, vom Regen durchnässt, besudelt vom Blute des Wildes und den frisch abgezogenen Häuten. Da sprach Karl voller List und Laune: «Unser keiner soll sein Pelzkleid ausziehn, bis wir zu Bette gehen, denn es trocknet besser auf dem Leibe.» Und ein jeder schaute mehr für seinen Leib als für sein Kleid, und suchte sich, wo immer es wäre, ein Feuer, sich daran zu wärmen, und blieb des Kaisers Dienst gewärtig bis tief in die Nacht. Da erst wurden sie entlassen und ein jeder ging nach Hause. Und wie sie nun anhuben, die feinen Pelze und die noch zärteren Seidengewänder auszuziehen, da brachen die Falten und rissen die Nähte, gleich als knackten dürre Reiser. Und dabei seufzten, grochzten und klagten sie, ob des vielen Geldes, das an dem einen Tag sie also verloren hatten.

Nun aber hatte der Kaiser sie geheissen, den andern Tag sich in demselben Pelzwerk bei ihm einzufinden. Das geschah, aber da glänzte keiner mehr in Prunk und Pracht, nein von lauter hässlichen Hudeln starrten sie, deren bunte Farben ganz verblichen waren. Da gebot der Kaiser seinem Kämmerer: «Reib meinen Pelz da zwischen deinen Händen und bring mir ihn wieder her.» Und siehe da, der Pelz war wie neu und glänzte weiss wie Schnee. Karl nahm ihn in die Hand, wies ihn allen, die gegenwärtig waren, und rief: «Traun, ihr seid mir rechte Toren! Welches Pelzwerk ist von mehr Wert und Nutzen, meines hier, das ich für einen Schilling mir gekauft, oder eure da, die euch viele Mark und Pfund gekostet haben?»

Da schämten sich die Herren und sahen zu Boden.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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