Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Die Königin Bertha

Land: Schweiz
Kanton: Waadt
Kategorie: Sage

Vor tausend Jahren waltete über das grossmächtige Reich Burgund, zu dem dazumal auch das Waadtland gehörte, die fromme Königin Bertha, im Volke nur die Gute geheissen. Sie wohnte weder in einem hochgebauten Palast mit glänzendem Hofstaat, noch ging sie in güldenen Gewändern, sondern schlicht wie die andern Frauen des Landes gekleidet, ritt sie auf ihrem weissen Zelter durch ihr Reich und nahm auf ihren Meierhöfen Herberg. Aller Orten gründete sie Städte, legte sie Strassen an, stiftete Zufluchtsstätten für Arme und Kranke und baute starke Wehren wider die wüsten Horden fremder Völker, die dazumal die Welt verheerten. Überall mahnte sie die Leute zu fleissiger Arbeit und mehrte durch ihre Fürsorge den Wohlstand und das Glück des Volkes. Und wo sie ging und stand, da spann sie selber emsig, und beim Reiten hatte sie den Rocken stets vor sich auf dem Sattel.

Das dankbare Volk hat die Gestalt der guten Königin Bertha nicht vergessen. Noch viele hundert Jahre nach ihrem Tode gedachte man ihrer in Sang und Sage. Mitten im Winter, wenn die Nebel tief über die Halden der Berge herabhängen, dann reitet sie, wie vordem, auf weissem Zelter in hell leuchtendem Kleide aus dem Turme der Burg von Gauze, auf einer Fluh des Jorat gelegen, und streut mit milder Hand aus voller Futterschwinge die Saat zur nächsten Ernte aus. Und zur Weihnachtszeit durchstreift sie, von einem luftigen Gefolge leichtbeschwingter Elfen begleitet, allum das Land, und wo in einem Hause etwas nicht ist, wie es sein soll, da lässt sie den Lässigen zur Warnung ein mahnendes Mal zurück.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch