Des Bettelmännleins Vermächtnis
Es war zur Zeit, als der neue Glaube in Bünden aufstand, da kam in einem Engadinerdorf ein umherstreifender Bettelmann zum Sterben. Beide Seelsorger der Gemeinde, die man zum Sterbenden gerufen hatte, wollten ihm die letzten Tröstungen reichen. Aber als der Prädikant sich zum Kranken auf den Weg machte, da sass der Priester schon am Bette. Die beiden Seelenhirten gerieten sich in die Haare, denn jeder zählte das Bettelmännlein zu den Schäflein seiner Herde. Zuletzt am End, als sie gar nicht einig werden konnten, fragten sie den Sterbenden selber. Der sprach: «Wenn die beiden Hochwürden nicht eins werden über mich, dann wird’s halt am besten sein, zu teilen: meinen Leib bekommt die Gemeinde, und mit der Seele mögen die Herren machen, was sie für gut befinden.» Sprach’s und starb.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch