Graf Rudolf von Habsburg und die Zürcher
Im Jahre des Herrn 1264, als das Reich ohne Haupt war, und jeder Fürst und Herr tat, was er wollte, daraus vielerlei Unruh der Städte und Länder entstand, da warben die von Zürich bei Herrn Lüthold von Regensberg, der ihr nächster Nachbar und gar gewaltig war an Leuten und Landen, mächtiger denn mancher Graf, dass er ihr Stadthauptmann und Schirmherr wollte sein, bis künftig wieder ein König sei zu des Reiches Handen; so wollten sie ihm hulden und gebührlich Gehorsam tun bis zu der Zeit.
Da gab ihnen der von Regensberg hohen Bescheid, verschmähte ihre Werbung und sprach: «Ich habe sonst Leut und Land genug zu versehen, so ist Eure Stadt Zürich mit meinen Städten, Festinen und Landschaften rings umgeben, wie ein Fisch in einem Garn oder einer Reuse, und wenn ich Euch übel wollte, so wäre ich stark genug, Euch zu zwingen, meine Untertanen zu sein. Sofern Ihr aber aus freiem Willen Euch an mich ergebt und Eure Stadt in meine Gewalt überantwortet, so will ich Euch gnädiglich beherrschen und Euer Schirmer sein.» Da nun derer von Zürich Boten ihren Herren, den Bürgern, solchen Bescheid heimbrachten, da betrübte sie diese Rede, und sie begannen nachzudenken, wie sie des von Regensberg Hochmut dämmen möchten. Da gedachten die von Zürich an Graf Rudolf von Habsburg. Derselbe Graf Rudolf hatte sonst auch einen Span mit Lüthold von Regensberg. Zu dem schickten sie ihre Boten gen Brugg, allwo er derzeit war, klagten ihm die schmähliche Antwort, die ihnen der von Regensberg auf ihre freundliche Werbung gegeben, baten ihn, dass er ihr Stadthauptmann wollte sein und sie zu des Reiches Handen wollte schirmen, bis dass ein König erwählt würde, so wollten sie ihm hulden und Gehorsam leisten bis zu der Zeit. Da war Rudolf der Sache gar froh, denn er gedachte sich dadurch an dem von Regensberg auch zu rächen, und fuhr gen Zürich. Da ward er mit grossen Ehren empfangen, und man tat' ihm Duldung, und er hinwieder schwur der Stadt auch.
Der von Regensberg schädigte nun die von Zürich täglich aus seinen Festinen: Baldern, Uetliburg, Glanzenberg und andern Enden, also dass sie unsicher waren, bloss vor ihre Tore hinauszugehn, es wäre denn mit bewaffneter Hand. Und das währte so das dritte Jahr. Dieser Unsicherheit wussten sie nicht abzukommen, es wäre denn, dass die Festinen erobert und zerbrochen würden. Also wurden sie tätig, die Feste Baldern am Albis zu belagern. Diese Feste war gar stark und fest. Das entboten sie Graf Rudolf. Der kam mit fünfzig Reitern zu ihnen samt anderem Kriegsvolk. Die von Zürich rüsteten fünfunddreissig Ritter mit guten Rossen, deren jeder einen gerüsteten Mann hinter sich führte. Die versteckten sich nachts in ein dichtes Gestäud nächst unter dem Schlosse in einem Töbeli. Die fünfunddreissig Ritter liessen sich wieder auf die Weite, schweiften bei Tag neben der Burg hinaus. Da vermeinten die in der Burg, es wären diese fünfunddreissig allein ohne Hilfe, fielen hinaus und meinten, sie zu meistern, und gingen zu weit von der Burg weg. Da eilten die Fussknechte aus dem Gestäude eilends der Burg zu (es waren behende, leichte Knechte), fanden das Burgtor offen und nahmen es ein. Und wie die Schlossknechte, die den Rittern nachgeeilt, das vernahmen, flohen sie, wohin sie mochten. Etliche wurden umgebracht. Die Feste aber ward verbrannt und zerstört.
Die Uetliburg, die Feste, liegt auch am Albis, darab man die ganze Stadt Zürich übersehen mag, und war das stärkste Schloss, das der von Regensberg hatte. Darauf auch setzte er alle seine Hoffnung. Die Schlossknechte darinnen hatten zwölf weisse Rosse, mit denen sie täglich ausritten, die von Zürich zu schädigen. Also liessen die von Zürich auch zwölf weisse Rosse rüsten. Mit jenen verschlug sich Graf Rudolf an einen heimlichen Ort nah bei der Feste. Es versteckten auch die von Zürich heimlich Späher in der Nähe. Sonst hatten die von Zürich kein Volk herumliegen. Also ritten die im Schloss abermals heraus mit ihren weissen Pferden, wider die von Zürich zu streiten, und begaben sich weit weg von der Feste, dieweil sie niemand fanden noch sahen, der wider sie wäre. Da machte sich Graf Rudolf hervor mit seinen weissen Rossen; und waren viele Knechte zu Ross geordnet, die taten dergleichen, als ob sie ihn angreifen wollten, wie es denn abgeredet war. Graf Rudolf von Habsburg nahm die Flucht gegen das Schloss Uetliburg. Die von Zürich eilten ihm nach, als ob sie ihm feind wären. Die im Schloss wähnten, es wären die Herren taten behend die Tore auf und liessen die mit den weissen Pferden ein. Die hielten das Tor mit Gewalt offen, bis die von Zürich alle hereinkamen. Also eroberte Graf Rudolf mit dieser List die Burg. Die von Zürich schlissen sie bis auf den Boden.
Wie nun denen von Zürich ihre Sache also glückte, zogen sie bald darnach mit gerüsteten Schiffen, als ob sie gen Basel wollten fahren, die Limmat nieder. Der Schiffe waren zwei, darauf verborgen wohlgerüstete, gewaffnete Knechte. Und wie sie neben Glanzenberg kamen, das Städtlein unter Fahr hinab an der Limmat gelegen, schoss des Regensbergers Volk fest heraus mit Armbrüsten zu den Schiffen. Also fuhren die Zürcher noch weiter hinab und kamen mit den Schiffen hinter das Holz, dass man sie aus dem Städtlein nicht mehr sehen konnte, erhuben ein gross Geschrei, als ob sie einen Schiffbruch erlitten. Die Gewaffneten und anderes Volk war alles aus den Schiffen in das Holz gelaufen, liessen das Schiff vornieder treiben und hatten viel schlechten Plunders in das Wasser geworfen. Nun konnten die im Städtlein die schwebenden Schiffe und den Plunder im Wasser sehen und meinten nichts anderes, denn es wäre ein Schiffbruch, liefen mit all ihrer Macht hinaus, die Zürcher, die noch am Leben wären, totzuschlagen, denn sie dachten, der Mehrteil wäre ertrunken. Derweilen hielt Graf Rudolf von Habsburg mit dem riesigen Volk in der Höhe heimlich in einem Eichwald, und wie er das Geschrei, das das Wortzeichen war, hörte, fiel er mit seinem Volk oben herab das Städtlein an, und die gewaffneten Zürcher aus dem Holz liefen auch hervor und rannten den Bürgern, die den Schiffen zugelaufen waren, die Stadt ab. Also ward die Stadt und die Feste verbrannt und zerstört. Die Glocken wurden gen Zürich geführt.
Bald darnach, als der von Regensberg also seine Festinen und sein Land verkriegt, dazu in grossen Schulden stak, kam er selber gen Zürich und begehrte Friedens und gab sich unter ihren Schutz und Schirm. Also zog Herr Lüthold in die Stadt Zürich, setzte sich daselbst um ein Leibding zur Ruhe und starb allda.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch