Kaiser Max an der Martinswand
Unter allen Jägereien liebte Kaiser Maximilian die Gemsjagd am meisten, und ein so tollkühner Jäger war er, dass er dabei mehr als einmal in Lebensgefahr kam.
In seinen jungen Tagen stieg er einmal den Gemsen an der Martinswand ob Innsbruck also hitzig nach, dass er weder fürder noch rückwärts steigen konnte. Wo er sich hinwandte, hatte er den Tod vor Augen. Ob ihm dräuten überhängende Felsen, unter ihm gähnte die Tiefe und seitlich standen ihm Felsen entgegen. Ein Seil hätte ihm niemand zuwerfen, und kein Steinbrecher hätte zu ihm dringen können. Unter sich in der Tiefe sah er seine Diener ratlos hin und wieder eilen, aber keiner konnte ihm Hilfe bringen. Zwei Tage und zwei Nächte stand er so an der Wand gelehnt, vergebens der Rettung harrend. Da erkannte er, dass ihm keine Hilfe werden möchte, und er bereitete sich auf den Tod. Er rief, so laut er konnte, man solle einen Priester mit dem heiligen Sakramente kommen lassen, damit er es wenigstens vor Augen habe, wenn er sterbe.
Also geschah, und im ganzen Lande lag das Volk auf den Knien und flehte zu Gott um Errettung des allgeliebten Herrn. Am dritten Tag hörte Maximilian ein Geräusch, und wie er sich danach umsah, sah er einen jungen Bauersmann daherkriechen und einen Pfad im Felsen machen. Der bot ihm die Hand dar und sagte: «Seid getrost, gnädiger Herr! Gott lebt noch und wird euch retten. Folgt nur nach und fürchtet euch nicht!» Also trat Maximilian dem Jüngling nach und kam unlang auf einen Steig, der ihn wohlbehalten wieder zu den Seinen führte. Voller Freude und Ergriffenheit umwogten ihn seine Getreuen, und als man sich nach dem Führer umsah, war er verschwunden, und niemand konnte sagen, wohin er gegangen.
Da kam es den Leuten vor, als sei jener ein Engel gewesen, den Gott gesandt, dass er den frommen Fürsten rette. Den Kaiser aber labte man mit Speise und Trank, und da er ganz matt und blass war, hob man ihn auf ein Pferd und brachte ihn also nach Innsbruck. Da wurde er von allem Volk gar fröhlich bewillkommt und ein grosses Fest gefeiert zum Dank für des Herrn wunderbare Errettung.
Jenen Ort an der Martinswand aber hat Kaiser Max später in die Vierung aushauen und darin aufstellen lassen ein vierzig Fuss hohes Kreuz.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch