Mutabor Märchenstiftung

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Wie Kaiser Max einen Bären erlegte

Land: Österreich
Kategorie: Sage

Als Kaiser Max einstmals wieder, wie er oftmals tat, in der guten Stadt Innsbruck im Land Tyrol verweilte, kam eines Tages ein Mann zu ihm und sagte: «Herr Kaiser, nicht weit von hier ist eine Höhle. Darin liegt ein Bär, der tut den Leuten weitherum im Lande grossen Schaden. Und von all den Jägern, die schon ausgezogen sind, um das Untier zu erlegen, ist manch einer nicht wieder heimgekommen, und andere haben zum Spott nur Schaden nach Hause gebracht. Wo ihr euch wollt mit dem Wagnis beladen, diesen Bären zu bezwingen, das ganze Land würde es euch danken.» «Eurer Bitte, guter Mann», erwiderte der Kaiser, «will ich gerne widerfahren. Führt mich nur zu des Bären Bau, so getraue ich mich mit meinem guten Spiesse und mit Gottes Hilfe ihn schon zu bestehen.»

Und so machten sie sich zu einer Zeit auf den Weg, der Kaiser und der Bauer. Nun war der Ort, wo der Bär in seiner Höhle lag, gar schmal, steil und hoch an einer Felsenwand gelegen, so dass keiner allda festen Stand fassen mochte, und war man nicht höchlich geschickt in Fels und Berg, so war’s leichtlich getan, dass man über die Wand abstürzte.

Als Max nun an den Ort kam und schon des Bären Höhle vor sich sah, da kamen etliche Bauern des Weges daher. Die sprachen: «Lieber Herr, seid auf der Hut, dieser Bär ist wahrlich ein grausam Tier. Ja, wären wir unser eine ganze Schar und wohlgerüstet, wir wollten’s nicht wohl wagen, gegen ihn anzugehen. Drum, lieber Herr, sehet zu, wie’s Euch ergehen mag.» Da sah Max wohl, dass dieser Weidgang nicht eben gut war, aber unerschrocken hiess er seinen Begleiter zurückbleiben und klomm kühnlich den Steig zur Höhle empor. Sobald der Bär sein gewahr wurde, lief er mit zornigem Gebrumme ihn an. Da sah Max erst, wie gewaltig der Bär war, höher als er selber noch und war doch ein hochgewachsener Mann. «Der Bär trachtet auf mich zu», dachte er, «ich weiss nicht wohl, wie ich ihm begegnen soll, denn ich habe keinen festen Stand unter den Füssen.» Unterdessen war der Bär so nahe gekommen, dass der Kaiser eben noch hinter einen Tannengrotz treten konnte, der zu seinem Glück aus einem Riss in der Wand herausstand. Er nahm seinen Spiess beim halben Schaft und warf mit solcher Meisterschaft und traf den Bären so behend, dass er über die Wand ab in das Tal stürzte und sich zu Tode fiel. Da sprach der Kaiser zu sich selber: «Traun, diesen Fall hätte ich selber getan, wäre mir der Bär nur einen Schritt näher auf den Leib gekommen!» Er dankte Gott dem Allmächtigen für seine Errettung aus dem bösen Abenteuer und stieg wieder zu Tal.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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