Mutabor Märchenstiftung

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Wie Kaiser Max einen welschen Ritter bestand

Land: Deutschland
Kategorie: Sage

Zu Worms war einst ein gross Turnier vom Kaiser angesagt. Das lockte die Ritter aus aller Herren Länder herbei, dass sie ihre Stärke und Trefflichkeit erprobten, und keiner wollte dahinten bleiben. Auch aus Frankreich kam ein Ritter an, ein gar gewaltiger Kämpe, dessen Namen weithin laut war. Er ritt einen mächtigen Renner und führte ein langes Schwert, manch einer hätte es mit beiden Armen nicht geschwungen, und viel grosser Worte und wilder Mären waren ihm vorausgeeilt und trugen Angst und Schrecken vor ihm her.

Im besten Gasthof der Stadt kehrte der Fremde ein und liess hellen Scheines seinen Schild hoch aus dem Fenster seiner Kammer leuchten, und sein Herold rief vor allem Volke aus: Wer mit ihm kämpfen wolle um Leib und Leben, oder auf die Bedingung, dass, wer unterliege, dem Sieger zu eigen sei, der solle seinen Schild neben den seinen hängen.

Sieben Tage harrte der welsche Recke vergeblich eines Gegners; keiner von des ganzen Reiches Ritterschaft getraute sich das Wagnis zu bestehen, und der Deutschen Ehre schien schon verloren, und der Fremde pochte trotziger und trotzig. Das verdross den Kaiser, des Reiches Herr gar sehr, und er rief manchen seiner Grossen auf, den Strauss zu wagen, doch keiner nahm die Forderung an.  

Da ritt am achten Tage auf stolzem Ross in silberschimmernder Wehr ein Ritter von des Kaisers Schloss vor das Wirtshaus und hängte seinen Schild neben den des Franken und rief ihn kühnlich zum Kampf heraus. Und alsbald ritten sie in die Schranken, ein jeder an seinen Standort. Es war das Volk zu Tausenden gekommen dem Kampfe zuzuschauen. Stille hielten die beiden Degen, bis die Trompete zum dritten Mal erscholl. Da spornten sie ihre Rosse und sprengten mit eingelegten Speeren gegeneinander. Und so gewaltig prallten sie zusammen, dass beider Lanzenschäfte zersplitterten und die Rosse keuchend rücklings in die Hechsen sanken. Fest aber sassen beide Ritter. Dann schwangen sie sich aus dem Sattel, rissen die Schwerter aus den Scheiden, und hell erklangen Schlag auf Schlag die Hiebe auf Helm und Schild. Aber als der Welsche zu einem mächtigen Schlage sich aufreckte, drang ihm des deutschen Ritters Schwert durch den Panzer unter der Achsel zum Herzen vor. Er zuckte zusammen und sank in den Sand und musste sich gefangen geben auf Gnade oder Ungnade.

Endlos brach des Volkes Jubel los, und jedermann wollte wissen, wer der unbekannte Ritter wäre. Da schlug der Sieger den Helmsturz auf. Der Ritter, der mit solcher Tat des Reiches Ehr gerettet hat, war Kaiser Max geheissen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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