Kaiser Max und Maria von Burgund
Der hochlöbliche Kaiser Maximilian hatte zur Gemahlin Maria von Burgund, Karls des Kühnen Tochter; die war ihm herzlich lieb, und als sie jung ihm starb mit ihrem Pferde stürzend auf der Jagd, da trug er bitter Leid um sie und trauerte gar manches Jahr.
Dies bemerkte seiner Räte einer, der weise Abt zu Sponheim, Johannes Trithem, wohl, und er erbot sich dem Kaiser, so es ihm gefalle, so wolle er ihm die Verstorbene wieder vor Augen bringen, so wie sie im Leben gewesen, damit er sich an ihrem Anblick ergötze. Der Kaiser bedachte sich nicht und willigte gleich in den gefährlichen Vorwitz. Also gingen sie selbander in ein besonderes Gemach und nahmen noch einen mit sich, damit ihrer dreie wären. Der Meister verbot ihnen, dass ihrer keiner beileibe ein Wort rede, solange die Erscheinung gegenwärtig sei. Und siehe da, Maria kam wahrhaftig hereingetreten, wandelte an ihnen vorüber, der lebendigen Maria so ähnlich, dass sie in nichts sich unterschied und nicht das geringste mangelte. Der Kaiser bemerkte die Gleichheit gar wohl und staunte darob über alle Massen. Da ward er eingedenk, dass sie am Halse hinten ein kleines schwarzes Flecklein gehabt; er hatte acht darauf und befand es also, da sie zum andern Mal vorüberging. Da aber kam ihn das Grauen an, er winkte dem Abt, er solle das Gespenst fortschaffen. Und als es geschehen, da sprach er mit Zittern und Zorn zu ihm: «Mönch, mache mir derlei Possen keine mehr!» und musste bekennen, wie er mit Mühe und Not sich habe enthalten können, dass er nicht zu ihr geredet und Leib und Leben und Seele verloren.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch