Wie die Burgen von Sarnen und Rotzberg gebrochen wurden
Als der Neujahrstag gekommen, hatten die von Unterwalden, die den Bund geschworen, wohl bedacht, wie sie die Vestinen Sarnen und Rotzberg, die gar stark waren, erobern möchten.
Nun war eine Dienstmagd auf der Veste Rotzberg, die liegt nid dem Wald zwischen Stanz und Ödwyl auf einem hohen Berg. Die Dienstmagd hatte einen jungen Gesellen von Stanz, der auch im Bund war, sehr lieb. Mit dem hatte sie diesen Bericht, dass sie ihn bei Nacht etliche Male an einem Seil hinauf in das Schloss zog.
Nun auf des Neujahrabends Nacht hatte der Geselle abermals mit ihr abgeredet, sie sollte ihn um Mitternacht an einem Seil zu einem Balnen hinein ins Schloss ziehen. Die Magd war des Bescheids froh, denn sie war dem Gesellen hold. Wie nun die Nacht kam, nahm er heimlich zwanzig wohlgerüstete Männer mit sich. Die stellten sich beim Schloss verborgen auf, dass sie die Magd nicht sehen möchte. Also zog die Magd ihren Buhlen hinauf. Der ging mit ihr in die Kammer, und bald stund der Gesell auf, sagte, er wolle bloss hinaus, das Wasser zu lösen, und gleich wieder zu ihr kommen. Die Magd wähnte, es wäre also. Derweilen ging er hin und zog schnell seiner Gesellen einen am Seil hinauf in das Schloss und ging von Stund an wieder in die Kammer zu der Magd und hatte seinen Scherz mit ihr. Darunter zog der andere Gesell seine Mitgesellen alle am Seil hinauf, bis sie alle zwanzig oben waren. Und schnell nahmen sie die Schlossknechte und des Vogts Gesind gefangen und behielten bis zur Mittagszeit die Tore zu, damit kein Stadtgeschrei würde, bis die Veste Sarnen auch erobert wäre, wie beratschlagt war.
Nun war das Haus zu Sarnen so mächtig, dass man das nicht gewinnen mochte, und war der Herr, der da Herr war, ein übermütiger, hoffärtiger, strenger Mann und tat den Leuten grossen Drang an und fuhr zu und machte, wenn hohe Festtage kamen, so müsste man ihm Geschenke bringen, je nachdem einer Gut und Geld hatte. Und also zwang er die Leute mit Steuern und hatte sie hart.
So zwang der Landvogt das Volk, dass sie ihm auch am Neujahrstag Geschenke zum guten Jahr mussten bringen, einer ein paar Hühner oder einen Kapaun, ein Gitzi, ein Lamm, ein Kalb oder ein Schwein, je nachdem einer es vermochte, und dasselbe mussten sie in das Schloss tragen. Darauf hatten derer, die den Bund geschworen, bei fünfzig Männer, ihren Anschlag gemacht, dass ihrer dreissig wohlgewaffnet vor Tag unter der Burg niden bei der Mühle im Erlenholz sich verstecken sollten. Und die andern zwanzig sollten Stecken rüsten und wohl spitzen und ein Spiesseisen bei sich tragen im Busen und die Gutjahrgeschenke ins Schloss bringen (denn man liess niemanden Wehr und Waffen ins Schloss tragen), und wenn es sie alle im Haus deuchte, ihrer wären so viel, dass sie die Tür offen behalten möchten, sollten sie die Spiesseisen schnell an die Stecken stossen, und einer sollte hinausgehen und vorn auf dem Bühl ein Hom blasen. Dann sollten die in den Erlen aufstehen und von Stund an der Burg zulaufen.
Wie nun die zwanzig mit den Gutjahrsgeschenken ins Schloss gingen morgens um die Kirchgangszeit, da trat der Landvogt mit einem Diener eben aus dem Tor der Kirche zu, und als er sah, dass sie alle nur Stecken hatten und keine Wehr, so hatte er ihrer wenig Acht und Besorgnis, liess sie ins Schloss gehen und zog vorwärts zur Kirche und freute sich, dass sie ihm so viele Geschenke brächten. Bald danach blies einer das Horn, und es liefen die aus den Erlen durch das Wasser schnell ins Schloss, nahmen die Schlossknechte und das Hausgesind gefangen, und als der Landvogt und seine Diener den Lärm in der Kirche vernahmen, wollten sie durch die Berge entfliehen, vermochten aber vor Schnee nirgends hinzukommen und wurden auch gefangen.
Und von Stund an stand männiglich auf, ob und nid dem Wald, denn man tat beiderseits einander kund, dass die Vestinen beide, Rotzberg und Sarnen, erobert wären. Und beide wurden sie geschlissen und zerbrochen. Und was darinnen war, das dem Landvogt, den Schlossknechten oder ihrem Gesind zugehört, das gab man ihnen und tat ihnen kein Leid, weder an Leib noch an Gut, aber sie mussten schwören, aus dem Land zu fahren und nicht mehr darein zu kommen, und man begleitete sie aus der Landmark. Und es schwuren die Landleute gemeiniglich, edel und unedel zusammen, einander zu helfen und zu raten.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch