Der Besserstein
Im Aargau, da wo Reuss und Limmat in die Aare fliessen, und die Aare weiter in den Rhein, liegt der Geissberg. Darauf stand vor Zeiten eine Burg. Die hatte ein Herr von Villigen auf das schönste und festeste erbaut und hatte seine Herzensfreude daran, denn er gedachte allda eines glücklichen Alters froh zu werden und in Leutseligkeit und Güte seinen Untersassen ein treu sorgender Vater zu sein.
Fertig stand der Bau und festlich sollte er eingeweiht werden. Des Bauherrn Söhne und alle Gefreundeten rings im Gau waren im Rittersaal versammelt und die Humpen kreisten. Der Ritter von Villigen sprach zu seinen Söhnen: «Da schaut euch nun um, wie gut sich`s hier wohnen wird in diesem schönen Lande, rund um uns her unsere fleissigen Leute und Mannen, mitten im Kreise der Dörfer unser stattliches Burghaus, fest gegen den Feind, offen dem Freund, dem Bedrängten ein Schutz, dem Dürftigen eine Herberge. So wollt ich`s haben.»
«Ja, Vater», sprachen die Söhne, «das ist traun eine wackere Trutzburg geworden; da mag das nichtsnutzige Bauernvolk aufstehn oder nicht, wir zwingen es von hier aus, den Fuss werden wir ihm auf den Nacken setzen. Von hier aus können wir Zölle legen auf die Flüsse und den Rheinstrom, auf Wege und Stege weitum im Land. Ja, der ganze Gau soll uns zinsen und zehnten, damit unser Gut sich mehre und unser Name gefürchtet sei an den Ufern des Rheins und im Schweizerlande.» Als der alte Ritter diese Rede seiner Söhne vernahm, war es ihm, als stocke ihm das Blut und bräche sein Herz, und vollen Zornes brach er aus: «So verkehrt also ist euer Sinn, ihr Entarteten! Aber das soll nimmer geschehen, da sei Gott vor!» Und er warf seinen vollen Humpen so gewaltig zur Erde, dass er in tausend Scherben zerklirrte. «Wie dieser Humpen, den ich von meinen Vätern geerbt, in Trümmern liegt, so soll dieser Bau alsbald in Trümmern liegen!» Und zur Stund berief er seine Mannen, seine Untersassen, sein ganzes Volk, und hiess sie abbrechen die neuerbaute Burg. «Fluch sei der Hand, die je sich erhöbe, diesen Bau wiederum zu bauen! Besser Stein, wüster Stein, als eine Zwingburg dem Volk, und Schmach dem guten Namen unseres Geschlechtes!» rief er aus - und seitdem heissen die öden Mauerreste auf dem Geissenberg allewege im Volke der Besserstein.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch