Die Mazze im Wallis
Nach uralter Sitte erhob sich zu Zeiten im Wallis das Landvolk zu strafen alle die Leute, welche wider das Land gehandelt hatten.
Wenn es Abend geworden war, nahm ein Mann unter dem Volke einen grossen Kolben und ging mit mehreren Männern hinaus an einen Ort, wo ein junger Birkenbaum stand. Sie wanden die Äste zusammen, steckten den Kolben oben herein und rissen den Baum aus der Erde, zum Zeichen wie das landfressende Übel ausgereutet werden solle mit verbundener Macht. Hierauf schnitzten sie den Kolben zurecht in die Gestalt eines trauernden Menschenantlitzes, umflochten und umwanden es mit Ruten und Dornen, auf dass das leidvolle Gesicht aus dem reissenden Gestrüpp kaum hervorsah.
Heimlich wurde nun mit der Mazze im Lande umhergegangen, zu ziehen die Rotte; und wer bereit war, die Mazze zu retten, der schlug mit eigener Hand seinen Hufnagel unten in den sparrigen Kolben ein, zum Zeichen seines gewissen Willens. Diese Mazze banden sie des Nachts an einen Baum, welcher am Wege stand.
Früh, zur Morgenröte, waren die Männer auf, gingen hinaus und standen schweigsam um die Mazze, lauschten den Worten der stillstehenden Leute, bis, wann das Volk sich versammelt, ein kühner Mann als Mazzenmeister hervortrat, die Mazze losband, sich mitten auf offenem Platze neben sie stellte und sie mit seinen Händen hielt.
Da erhoben nun viele aus dem Volke die Stimme und fingen an zu fragen: «Mazze, warum trauerst du? Mazze, warum bist du hier?» Sie aber antwortete nicht. Sie fragten weiter: «Mazze, wir wollen dir helfen, Mazze, zeig an, gegen wen? Mazze sprich, wer peinigt dich? Ist’s der Silenen? ...Macht dir der Asperling die Pein?... Oder ist s der Henngarten? ...» Die Mazze stand und schwieg. Als man aber den Landeshauptmann von Raron nannte, da neigete sie sich sehr. Ehrerbietig stand der Mazzenmeister da und sprach: «Wohlan, biderbe Männer, die Mazze hat geklagt. Wer sie retten will, hebe die Hand auf!» Der mehreren Hand erschien.
Darauf erhoben sie die hilfsbedürftige Mazze, trugen sie durch alle Zehnten des Wallis von Dorf zu Dorf, und es hiess, die Mazze wolle zum Landeshauptmann und allem seinem Anhang und zum Bischof von Sitten, seinem Neffen.
Wehe, wem sie in sein Haus getragen wurde. Das Volk drang ein. Küche und Keller wurden ihm ausgegessen und leergetrunken, genommen, was an Geräten gefunden, und er musste aus dem Lande fliehen. Bliebe er, sein Leben wäre verloren.
Also brachten sie im Jahre 1414 denen von Raron die Mazze, mazzeten auch den Bischof Gitzhart, brachen ihm sein Haus, trugen sie weiter in seines Vetters Turm, zertrümmerten ihn und belagerten etliche Schlösser, woraus der Walliserkrieg entsprang.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch