Gian Chaldar
Im Schamsertal standen einst die festen Burgen Fardün und Bärenburg. Darauf sass ein Vogt, der nach harter Herren Weise also übermütig und grausam war wider das Volk, dass er jeden Frevel, der ihm zu Sinn kam, frech und ungestraft verübte. So trieb er seine Rosse zu jeder Jahreszeit, ja sogar im Sommer, wenn die Gerstensaaten - das einzige Korn, das den Leuten dorten wächst - der Ernte zureiften, auf die Felder hinaus und liess sie frei und ungehindert laufen, und niemand, der sie antraf, durfte sie von seinem Grunde vertreiben. Da aber hub das Volk an, sich zu besinnen auf die alte Freiheit der Väter, von der sie hatten sagen hören, und wie sie dieselbe wieder gewinnen möchten.
So begab es sich, dass ein Landmann, Gian Chaldar mit Namen, eines Tages zwei Rosse des Burgherrn von Fardün mitten in seinen Saaten wild tollend antraf und sie erschlug. Als das der Fardüner vernahm, roch ihm der Zorn auf, und er gebot seinen Knechten, dass sie den armen Chaldar griffen und in den Kerker würfen. Dort tobte und wütete er wider ihn, und so lange suchte er ihn im Moder des Kerkers mürbe zu machen und liess ihn solche Pein und Not leiden, bis seine Blutsfreunde ihn loskauften, und überteuer mussten sie die getöteten Rosse bei dem wenigen Geld, das sie hatten, bezahlen, um dem Herrn dafür genug zu tun. Aber auch so erlösten sie den Chaldar nur mit Not aus dem Kerker.
Eine Zeit darnach geschah es, dass der Burgherr einmal das Haus des Chaldar betrat, da dieser es am wenigsten erwartete. Er traf ihn am Tische mit seiner Frau und seinen Kindern eben beim Essen. Da spie der Herr, so viel er an Speichel im Munde sammeln konnte, in den Brei, den sie assen. Chaldar, ein Mann sonst rasch und unerschrocken und gar nicht feige, stand zuerst starr vor Chlupf, so unerhört war, was der Herr getan. Dann aber fuhr er in Zorn und Ingrimm auf, packte den Ritter um den Leib und zwang ihn, was noch übrig war von dem Brei, mitsamt dem Gespei aufzuessen, oder er werde ihn erwürgen und zur Hölle senden. Und dann sprach er dreimal ein Sprichwort des Volkes: «Iss selber den Brei, den du gewürzt!»
Da erhob sich das Volk, gleichsam wie aus dem Schlaf erwachend, und einmütig stürmten sie die Burg und erschlugen den Herrn mitsamt seinen Knechten.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch