Mutabor Märchenstiftung

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Der Zwingherr von Wallsburg

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

Auf der Wallsburg im Luthertal lebte einst ein Ritter, dem Lande ein böser Zwingherr. Einmal ritt er mit seinen Knechten und Hunden auf die Jagd. Auf einem Acker im Tale pflügte ein Bauer mit seinen Ochsen. Der Zwingherr ritt zu und schrie ihm zu: «Zum Pflügen brauchst du keine Ochsen! Fort mit ihnen in meinen Stall! Sie sind mein!» Der Bauer aber erschrak nicht. Leise raunte er in seinen grauen Bart: «Wer selbst sich hilft, dem hilft auch Gott.» Dann hob er sein Haupt auf, schaute dem Herrn frei ins Auge und sagte laut und fest: «Herr, eurem Willen mag ich nicht zuwider sein, aber lasst mich noch die letzte Furche ziehen.» Der Ritter nickte höhnisch. Der Bauer trieb die Ochsen an und stiess die Pflugschar tiefer und tiefer in den Boden und fuhr die nämliche Furche mehrmals her und hin und hin und her. Ungeduldig schaute der Ritter dem Pflüger zu. Endlich schrie er ihn an, mit dem Fuss in die Ackerkrume stampfend: «Das ist keine Furche mehr, ein Graben ist's! Spann aus und bring die Ochsen hinauf auf die Burg!» Schweigend tat es der Bauer. Wie aber die Ochsen ausgespannt waren, hob er Sech aus. Dann trat er vor den Ritter und bat: «Herr, ich bitt euch, lasst mir die Ochsen, sie sind mein einzig Gut.» Der Ritter aber schrie und schnob: «Tu, was ich gesagt, und mach’s kurz!» «Nun wohl denn», sprach der Bauer, hob die blanke Pflugschar von der Erde auf, schwang sie hoch über des Ritters Haupt und schmetterte sie ihm durch den Eisenhut tief ins Haupt. Tot sank der Ritter in die tiefe Furche. Der Bauer fügte die blutige Pflugschar wieder an den Sterz, spannte die Ochsen ein und pflügte den Toten zu.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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