Mutabor Märchenstiftung

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Der Wolf von Ringgenberg

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Der Ritter Wolf von Ringgenberg war ein wilder, roher Herr, hartherzig und grausam. Das geringste Vergehen büsste er an Leib und Leben. Drum hiessen ihn die Landleute auch nur den Werwolf; denn wie ein Wolf in Menschgestalt war er zu schauen: Ungeschlachten Leibes war er wie ein Riese, und wenn er im Zorn den zündfeuerroten Bart schüttelte und seine Augen funkelten, war’s als flackerte die heisse Lohe um ihn. Und selten oder nie kam er aus dem Harnisch, und gejagt musste sein, den lieben langen Tag mit Hörnerschall und Hundehatz durch Wälder und Felder.

Einstmals, als er auf seinem rabenschwarzen Hengst auf dem andern Ufer des Brienzersees nach seinem Schloss Iseltwald zusprengte, da stiess er auf das ärmliche Hüttlein eines Fischers, der unlang am Ufer sich angesiedelt hatte, und eben trat des Fischers junges Töchterlein aus der Türe, ein liebliches Kind mit holden Augen, die schweren Zöpfe zierlich ums Haupt gewunden. «He du», rief der Ritter im Vorbeireiten dem erschrockenen Fischer zu, der am Strande eben seine Naue einzog, «komm morgen mit dem Mädchen auf meine Burg nach Ringgenberg!»

Schweren Herzens bestieg am andern Tag der Mann mit seinem Kinde das Boot und ruderte hinüber zum Fuss der Herrenburg. Und es kam, wie der Mann fürchtete: Der Werwolf machte Miene, das Mädchen bei sich auf dem Schloss zu behalten. Der Vater weigerte sich. Der Zwingherr rauchte auf im Zorn und drohte mit Gewalt. Da, ehe jener es sich versah, liefen Vater und Tochter um ihr Leben ans Ufer hinunter, dass sie über den See entrönnen. Eben stiessen sie ab, da zischte ein Pfeil durch die Luft, und durchbohrte, den Vater verfehlend, der Jungfrau das Herz. Der Vater führte die Leiche seines Kindes heim, barg sie im Grabe, und ohne ein Wort der Klage verliess er die Hütte, Netz und Schiff und ward nicht mehr gesehen.

Viele Jahre waren seither ins Land gegangen. Der Werwolf war alt und grau geworden und wütete grimmiger denn je gegen das arme Volk. Und so gross war der Hass allerorten im Lande gegen ihn, dass er seines Lebens nirgends mehr sicher war. Da beschloss er, eine feste Burg zu erbauen, um sein Alter zum Trotz in Sicherheit zu verbringen. Alles Volk musste fronen, und weitherum wurden die besten Werkleute aufgeboten. Lange schon arbeitete man an dem Bau, und die Leute seufzten unter den Lasten, die sie zu ihrer eigenen Bedrückung zu tragen hatten. Da kam eines Tages wie von ungefähr ein fremder Greis, weiss wallte ihm der Bart bis zum Gürtel herab, und bot dem Zwingherrn seine Dienste an, er komme von Rom und sei ein kunstreicher Meister der Baukunst. «Gut, Alter, so zeige, was du kannst», sagte der Werwolf und reichte ihm einen mächtigen Hammer dar. Jener nahm den Hammer und tat damit einen solchen Schlag auf die Mauer, dass es weithin dröhnte und die Steinsplitter nach allen Seiten stoben. «Und nun, Herr», sagte der Fremde mit bebender Stimme, «wie soll die Burg denn heissen, die ihr da baut? » «Schadenburg, wer’s merken will!» rief der Werwolf und lachte voller Hohn. Da hob der Fremde hoch sich auf, glühend funkelten ihm die Augen unter den buschigen Brauen, mit beiden Händen schwang er den Hammer über seinem Haupt. «Nein, Freiburg, wer’s merken will!» rief er mit Donnerstimme, und mit zerschmettertem Haupt brach der Werwolf mitten unter seinen Werkleuten und Fronknechten zusammen. Der Alte aber schritt aufrecht von dannen, keiner legte Hand an ihn. Niemand weiss, wohin er gegangen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch