Der Freiherr von Unspunnen
Von den vielen bösen Zwingherren, die voreinst im Bernerland gehaust, überboten die Freiherrn von Unspunnen und Rothenfluh alle an Willkür und Grausamkeit. Da gab’s keinen Frevel, den sie nicht verübt hätten. Sie traten nicht nur Recht und Billigkeit mit Füssen, sie achteten auch Scham und Sitte nicht. Nicht nur den Männern beugten sie Nacken und Arm, auch Frauen und Mädchen taten sie Gewalt.
So erblickte einst der Freiherr Roland zu Wilderswyl, einem Dörflein, das zu seiner Herrschaft gehörte, ein wunderholdes Mägdlein am Brunnen, und gleich ward seine Begierde rege. Er forschte, wo die schöne Jungfrau wohne, ritt spornstreichs vor das Haus und klopfte mit dem Schwertknauf an die Tür und begehrte von der erschrockenen Mutter, dass sie ihm die Tochter ungesäumt zur Aushilfe auf die Burg gebe. Es werde ein grosses Fest mit vielen Gästen gefeiert, und da sei eine Schankmagd nötig. Die Mutter aber weigerte sich, ihr Kind dem Übermut der Herren preiszugeben. Aber es half alles nichts. Die Schlossknechte kamen abends und holten das Mädchen mit Gewalt auf die Burg. Und ob es ihr lieb war oder leid, sie musste an dem Zechgelage alsbald Wein auftragen und den lärmenden Gästen reihum einschenken, und war den frechen Augen und rohen Zungen der Edelleute ausgesetzt. Aber den ärgsten Schimpf tat ihr der Junker Roland an. Glühend vor Scham und Zorn lief das Mädchen in den Schlosshof hinaus, verbarg sich in einem Winkel des Gemäuers und weinte bitterlich. Da trat aus dem Gesträuch plötzlich ihr Liebster hervor: «Sei getrost, Vreneli», sagte er, «und geh wieder hinein, und wenn sie dich heissen die Becher füllen, so stoss wie aus Ungeschick den Leuchter um, stell ihn rasch wieder auf und setze ihn gerade vor den Junker.» «Um Gott, Josi, was hast du im Sinn?» erwiderte sie und hielt voller Angst seine Hand.«Hab keine Angst! Wenn du mich gern hast, geh und tu, wie ich dir sage», sagte wieder der Bursche und verschwand im Gebüsch.
Als Vreneli in den Saal trat, war eben ein grosses Geschrei nach ihr. Die Becher waren geleert, und jeder wollte nur von ihr eingeschenkt haben, allen voran der Burgherr. «Komm, Liebchen, schenk mir ein, aber dass mir kein Tropfen daneben geht», grölte er mit lallender Zunge. Sie trat mit dem schweren Krug zu ihm hin, schenkte ihm den Pokal mit zitternder Hand bis zum Rande voll und stiess dabei wie aus Ungeschick den Leuchter um. Behende stellte sie ihn wieder auf, grad vor den Junker hin. Im selben flog, wie von einem Windstoss, das Söllerfenster hinter den Tafelnden auf. Ein Sirren - ein Pfeil zischte durch die Luft: Und der Freiherr, der eben den Becher erhob, um seinen Kumpanen mit einem rohen Scherzwort zuzutrinken, sank mit einem dumpfen Schrei über die Tischplatte herein und verröchelte in seinem eigenen Blute. Von dem Tage an hat kein Herr mehr auf jener Burg gesessen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch