Mutabor Märchenstiftung

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Guardaval

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Von hohem Felsen ob Madulein im Engadin dräute einst die Zwingburg Guardaval. Dort sass des Bischofs von Chur Vogt, ein ritterlicher Herr, der die Macht, die ihm verliehen, wohl zu brauchen wusste. Wen er hasste, den verdarb er mit Zinsen, Steuern und Fronden, und wer sich seiner Willkür gar widersetzte, wurde eingekerkert in das Burgverlies. Und wenn wo ein Mädchen oder eine Frau ihm gefiel, so nahm er sie den Eltern oder den Männern weg, und wehe dem, der zu murren wagte!

Nun lebte in Chamuesch auf freier Scholle Adam, ein hoch betagter Landmann. Der hatte eine junge Tochter, die jüngste unter einer grossen Kinderschar, ein Mädchen schön wie ein Bild. Eines Tages nun sah der Ritter die Jungfrau vom Turm seiner Burg aus, und zur Stunde sandte er seiner Knechte einen zu Adam mit der Botschaft: der Herr begehre seine Tochter, um sie zur Herrin von Guardaval zu machen. Mit Entsetzen vernahm der alte Vater die Werbung des Gewalthabers. Aber er hielt an sich und liess dem Vogte sagen, er müsse seine Tochter auf ihr grosses Glück erst würdig vorbereiten, und er werde sie morgen selber, wie sich’s gehöre, aufs Schloss bringen.

In der Morgenfrühe ging Adam, sonntäglich gekleidet nach Madulein, und mit ihm seine Tochter, geschmückt wie eine Braut, geleitet von der Schar der Verwandten und Freunde, alle in Festgewändern. Langsam erstieg der Zug den Schlossberg. Der Vogt hatte sie schon von weitem erspäht, und ungeduldig eilte er ihnen durchs Tor entgegen. Kaum erwiderte er den ehrerbietigen Gruss der Männer. Er nahte sich der Jungfrau, die leichenblass an ihres Vaters Arme hing. Als er sich über sie beugte, um sie zu küssen, stiess ihm der Greis seinen Dolch bis ans Heft ins Herz. Die Männer des Brautgeleites schwangen plötzlich blanke Schwerter, und ehe der verwirrte Torwächter das Tor noch schliessen konnte, waren sie schon in den Schlosshof gedrungen und erschlugen die Knechte, und Guardaval ging in Flammen auf.

Seit dem Tage war alles Land unterhalb der Quellen des Inn aller Herrschaft ledig und frei immerdar.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch