Mutabor Märchenstiftung

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Der Ritter von Grimmenstein

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Der letzte Herr von Grimmenstein war der wildeste Jäger weit und breit im Bernerland. Selbst an den heiligsten Festtagen hielt er sich nicht zu Hause, sondern ritt auf Jagd aus. Eines Sonntags, früh vor Tag, als der Ritter wiederum auf Weidgang ausziehen wollte, trat seine Gattin zu ihm und bat ihn flehentlich, doch heute daheim zu bleiben. Der Sturm tobe und wüte also sehr, die bösen Geister des Waldes seien wach und gingen um, sagte sie; und die letzte Nacht habe ein schwerer Traum sie gedrückt: «Ich sah dich eine grosse, schöne Hinde mit drei Jungen jagen. Du erreichtest sie und schossest auf sie, aber getroffen hast du mich und unsere drei Söhne!» Der Ritter aber lachte nur: «Träume sind Schäume! Mach dir das Herz nicht schwer. Eh ich heut raste, reit’ ich lieber in den Tod.» Mit diesen Worten schwang er sich auf sein Ross und mit Huien und Hörnen folgten Jäger und Knappen mit der ganzen Koppel der kläffenden Meute.

Manche Stunde hatten sie in den weiten Wäldern schon gejagt, und viel Wild hatte der Ritter erlegt; aber noch war kein Hirsch aufgespürt. Da kamen sie zu einer Lichtung, einer blumigen Matte, wodurch ein klarer Bach floss. Da weidete eine grosse, schöne Hindin mit drei Jungen. Alsbald sprangen die Hunde zähnefletschend an. Aber die Tiere flohen nicht. Die Hinde stellte sich vor die Jungen und wehrte stöhnend die Hunde mit Stössen und Tritten ab. Dennoch bissen sich die Rüden fest in die Weichen der Jungen, und mit sicheren Schüssen fällte sie der Ritter samt der Hinde.

Da stieg plötzlich, aus dem Boden wachsend, ein Riese vor dem Ritter empor. Mit gellendem Lachen rief er: «Nur gemach, nur gemach! Die Hirschlein sind schon gerächt!» Und damit war der Unhold verschwunden, und die Hirschkuh und ihre Jungen mit ihm. Den Jägern war das Blut in den Adem geronnen. Wie betäubt von einem bösen Alptraum, raffte sich der Ritter endlich auf und ritt in rasendem Lauf zu seiner Burg zurück. Als er in das Gemach der Frau trat, da lag sie tot am Boden, und ihr zur Seite die drei Söhne, von Pfeilen durchbohrt. Schweigend küsste der Ritter sein Weib und die Kinder und stiess sich selbst das Schwert in die Brust.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch