Der Zwingherr von Brandis
Vor vielen tausend Jahren ist das Schloss Brandis nicht da gestanden wo heute, sondern auf dem darüber liegenden Flügel ob dem Burgacker, von wo man weit hinaus sah ins Land und in viele Gräben hinein. Zur selben Zeit wohnte in dem Schlosse ein gar grausamer Zwingherr, der seine Leute ärger behandelte als das Vieh. Das ganze Jahr hindurch mussten seine Lehensleute oder Leibeigenen für ihn bauen, jagen, pflügen, fischen, holzen usw. Er war grausam reich, und alles Land weit und breit gehörte ihm. Er sass ganze Tage auf hohem Turm und schaute über all sein Land weg, wie seine Bäuerlein arbeiteten für ihn; und wenn er eins nicht emsig genug glaubte, so geisselte er es abends im Schlosshofe mit eigener Hand oder sprengte flugs auf seinem fuchsroten Hengst auf ihns hin und schlug es, dass die Steine hätten schreien mögen. Nicht halb genug gab er ihnen zu essen; sie mussten dann noch zu Hause den Weibern und Kindern wegessen, was diese mit Not und Mühe für sich gepflanzet hatten. Selten einen Tag hatte ein Mann, um für sich zu arbeiten, und doch sind sie ihm das, laut ihren alten Pergamentbriefen, nicht schuldig gewesen.
Aber wenn einer ein Wort nur redete von diesen Briefen oder dass ihm sonst etwas nicht recht sei, so warf ihn der Zwingherr ins Turmloch und liess ihn dort unter Kröten und Schlangen verrebeln. Man soll diese Gefangenen oft bis ins Tal hinab haben schreien und lamentieren hören. So hatten die armen Leute auch einen ganzen Winter nichts für sich arbeiten können, nicht einmal holzen, geschweige dann schwellen an der Emme; und doch sei die Schwelle ganz weg gewesen, und schon im vergangenen Herbst hätte die Emme grosses Unglück angerichtet und den Leuten alle ihre Erdäpfel verderbt.
Da hätte der Müller eines Abends gemerkt, dass der Flühluft komme über die Berge vom warmen Italien her, und dass der Steigrat von oben bis unten sein schwarz Wegli bekommen hätte, das sicherste Vorzeichen hilben Wetters. «Marei», habe er seiner Frau gesagt, «morgen soll ich für den Herrn Steine führen von Oberburg, aber das darf ich nicht. Schon schmilzt der Schnee, grausam viel liegt in den Flühnen; wenn nicht geschwellt wird, so nimmt die Emme mir Haus und Mühle weg. Ich will aufs Schloss und es dem Herrn sagen; so viel Verstand wird er doch haben, dass er das begreift. Ist die Mühle doch so viel sein als mein.» «Uli», habe seine Frau gesagt, «dahin gehe mir bei Leib und Sterben nicht; es ist besser, die Emme nehme dir die Mühle weg, als der Herr schlage dir den Gring ein. Mühlene gibt es noch viele, aber Kopf bekämest du keinen andern mehr.»
So disputierten sie die halbe Nacht miteinandern, aber der Müller gab der Frau nicht nach. Am Morgen zeitlich machte er sich auf und betete noch in der Kirche zu Lützelflüh zwei Vaterunser; denn zur selben Zeit beteten nicht nur die Müller noch, sondern sogar die Wirte. Her Müller war ein mächtiger Mann mit Achseln wie Tennstore, aber doch wurden ihm die Beine schwer, als er den Schlossberg auf ging. Im Hofe bellten die Hunde, Pferde wieherten; die Knechte waren gerüstet mit Spiess und Schwert, und ein Bäuerlein stund unter ihnen. Der hatte Bericht gebracht, dass er zwei Bären gesehen hätte in der Nacht beim Mondenschein draussen auf der Egg. Der Herr war aufgefahren aus dem Bette, hatte Jagd befohlen, befohlen, so viel Bäuerlein zusammenzutreiben, als in der Eile möglich wäre; denn er lechzte nach Bärenstreit und Bärenfleisch, und an Bauernfleisch war ihm nicht viel gelegen.
Zugleich mit dem Müller kam er in den Hof, rasselnd mit Schwert und Sporen, fast sieben Schuh hoch und mit roten Augenbrauen fingerslang. Mit seinen grauen Augen blitzte er durch den Schlosshof, und mit seiner Löwenstimme liess er manches Donnerwetter erbrachen über die Knechte, die ihm zu langsam geschienen hatten in seiner Bärenbrunst.
Da trat ihm bescheiden der Müller ins Gesicht und bat drungelich, dass der hohe Herr ihn doch an diesem Tage möchte zu Hause lassen mit noch einigen, um zu schwellen; der Flühluft gehe, und der Steigrat habe ein schwarzes Wegli, breit fast wie der Schlossweg, und schon regne es warm von den Bergen her, und Schwelle sei keine mehr, wie der gnädige Herr wisse.
Mit dem eisernen Handschuh schlug der Ritter dem Müller aufs Maul und befahl ihm, statt Steine zu führen, die Bären treiben zu helfen. Der Müller wollte einreden demütiglich; aber der Ritter, schon zu Ross, schlug ihn auf den Kopf mit der Eisenfaust, trieb ihn mit bäumendem Ross zum Tor hinaus und voran durch den schmelzenden Schnee musste der Müller dem Ritter. Mit altem Buchenlaub wischte der Müller sein blutend Gesicht ab, aber sein wutblutendes Herz konnte er mit keinem Laub abwischen.
Die Bärenspur war bald gefunden, sie führte gerade in die Höhle. Die Schlucht ward umgangen, die Jäger verstellten sich, die Bäuerlein fingen an zu treiben; die Hunde blieben gekoppelt. Der Ritter wagte lieber Bauern als Hunde an die gefährliche Jagd. Die Bären hielten hart, wie kein Wild gerne ein trockenes Lager verlässt, wenn der Sturm beginnt. Endlich stürzten ganz nahe vor den Treibern beide aus dem finstern Schlund, und beide schnurstracks auf den Ritter zu. Der stellte sich ihnen entgegen wie eine Mauer und wehrte sich handlich mit Schwert und Spiess. Aber zwei wütende Bären sind doch mehr als ein Ritter, der abgesessen vom Pferde darhalten muss. Der Müller sah des Ritters Drangsal, und als biederer Schweizermann gedachte er nicht an das Vergangene, sondern nur, dass ein Mensch in Bärennot sei; er sprang dem Ritter zu Hilfe, und schnell waren die Bären gefällt.
Der Ritter sass wieder hoch zu Ross; auf Schlitten waren die Bären gelegt, die Bäuerlein zogen die Schlitten; der Müller zog mit an den Schlitten, und kein Wort des Dankes hatte ihm der Ritter gesagt. Sie hatten ein mühselig Ziehen; der mit warmem Winde gekommene Regen hatte nicht nur den Schnee geschmolzen, sondern auch den Boden aufgeweicht, und des Müllers Kraft war nötig. Als sie diesseits Schaufelbühl hervor gegen die Hochwacht kamen, sahen sie wütend die Emme bereits eingebrochen durch den Farbschachen niederfluten. Da liess der Müller ungefragt seinen Schlitten fahren, stürzte durch den Wald ins Tal nieder, den nächsten Weg seiner Mühle zu. Aber schon fand er seine Mühle nicht mehr, fand oben an der Halde Weib und Kinder, aber der Säugling fehlte. Nachbarn hielten das verzweifelte Weib, das in die Fluten sich stürzen wollte, dem ertrunkenen Kinde nach. Lautlos, mit gerungenen Händen, stund der Müller an der Halde Rand über dem wilden Wasser. Da kam auf fuchsrotem Hengst der Ritter angesprengt und drang mit Toben und harten Reden auf den Müller ein, dass er unbefugt den Schlitten verlassen. Der aber hob seine geballten Fäuste zum Ritter auf und nannte ihn Kindsmörder und des Teufels leibhaftigen Sohn. Da schmetterte des Ritters Streitaxt auf seinen Retter nieder, und rücklings mit gespaltenem Schädel stürzte dieser die Halde hinab in die wilde Flut. Da hob die Müllerin ihre Hände zum Himmel auf und verfluchte den Ritter, dass er keine Ruhe im Grabe haben solle, sondern Emme auf und ab schwellen müsse in dunkler Nacht bei drohender Wassergrösse, und stürzte sich dann ihrem Manne und ihrem Kinde nach in die Wellen. Lange noch sah die betäubte Menge blutige Kreise von des Müllers gespaltenem Schädel das Wasser niederziehen, und neben ihnen hoch aufgestreckt die fluchende Hand der Müllerin. Aber trotzig, würdig seines trotzigen Geschlechts, ritt der Ritter heim, und trotzig gebärdete er sich je einen Tag wie den andern. Aber eine unsichtbare Gewalt schien den mächtigen Leib zu verzehren; er fiel alle Tage sichtbarlich zusammen, und ehe das Jahr um war und der Flühluft wieder kam von den Bergen her, ward der trotzige Freiherr von Brandis begraben zu Lützelflüh. Dort liegt er tief in der Kirche Chor, sein Grabmal sieht man nicht. Aber wenn der Flühluft über die Berge weht, wenn der Steigrat den schwarzen Streifen zeigt, wenn heisse Dünste wettern wollen in den Bergen, so regt es sich und stöhnt in des Ritters Grabe. Er muss auf, muss fassen mit seiner knöchernen Hand die schwere Streitaxt, muss in seinem eisernen Gewande die Emme auf und ab, die roten Augenbrauen flatternd im Nachtwinde. Wo er lockere Pfähle sieht, da muss er hämmern mit seiner Streitaxt, muss neue einschlagen, wo die Not es will, der Mensch sie nicht gewahrt; muss durch sein Hämmern, das schauerlich widerhallt an den Felsen durch die Nacht, die Anwohner warnen, zu wehren und zu wahren zu rechter Zeit der Emme Schwellen und ihr Eigentum, und muss dann stehen da, wo er den Müller erschlagen, bis er wittert Morgenluft, bis von der Mühle herauf der Hahn kräht; dann erst darf er wieder in seines Grabes Moder.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch