Das goldene Kegelspiel
Auf der Zwingburg Wartau herrschte vor alters ein harter Herr. Er drückte und drängte die Bauern mit Fronden und Zehnten und lebte selber in Saus und Braus. Oft begab er sich mit seinen Gästen in den Burghof hinab, und da tollten und tobten sie bei Becherklang und Reigentanz und spielten mit einem goldenen Kegelspiel.
Der selbe Burgherr hatte eine holdselige Tochter, die war so gut und schön, dass sie den Leuten wie ein Engel erschien. Unter dem Gesinde ihres Vaters diente auch ein junger Knecht mit Namen Friedrich, ein kühner Geselle, der das Herz auf dem rechten Flecke hatte. Und so geschah es, dass die beiden jungen Leute einander höldig wurden. Denn die Liebe kommt wie der Tau über Nacht. Aber der strenge Vater verbot seiner Tochter bei Todesstrafe Blick und Wort. Ein Ritterfräulein konnte nimmermehr einem gemeinen Knechte in die Ehe folgen, ohne Herkommen, Stand und Gut.
Aber in der Nacht darnach entwichen Friedrich und Maria. In Sargans hofften sie zum Ziele ihrer Wünsche zu gelangen. Ihre Flucht wurde aber vorzeitig entdeckt. Der Vater tobte wie besessen und schickte ihnen seine anderen Knechte nach mit der Weisung, die Flüchtlinge lebendig oder tot einzubringen. Sie ereilten sie am Schollberg, und als Friedrich sich nicht ergeben wollte, brauchten sie Gewalt, und es kam zum Kampf. Friedrich erschlug dabei seinen besten Freund Hans, der mit ihm bei dem Herrn lange Zeit gedient hatte. Aber sobald er sah, was er getan, da lähmte ihm der Schreck alle Glieder, und ohne weiteren Widerstand liess er sich vor den Burgherrn führen. Der hielt Gericht und sprach ihm das Urteil; es lautete auf den Tod.
Friedrich schickte sich starken Mutes darein und bat nicht um sein Leben. Als nun die Stunde der Hinrichtung kam und man ihn, wie es der Brauch war, nach einem letzten Wunsche fragte, erbat er sich, man möchte ihm erlauben, mit der goldenen Kugel einen einzigen Wurf nach den Kegeln zu tun. Das ward ihm gewährt. Wie die Kegel standen, warf Friedrich und traf den König allein mitten unter allen anderen. «Was soll dieser Wurf bedeuten?» fragte der Burgherr, den das ein seltsamer Zufall deuchte. «Wahrlich, Herr», antwortete Friedrich, «sehet Euch vor, so wie dem König im Spiel, so wird es Euch dereinst ergehen. Ihr werdet gestürzt werden, und die Euch untertan sind, die werden stehen bleiben!»
Noch hatte Friedrich das letzte Wort nicht zu Ende gesprochen, da barst krachend das Tor unter wuchtigen Hieben und Stössen, und das Volk drang ungestüm in den Schlosshof. Der Burgherr wurde von starken Fäusten in den Brunnen geworfen, und ihm nach das goldene Kegelspiel. Friedrich aber riss sich im Getümmel los und lief durch alle Gemächer der Burg in den Garten hinaus, um nach Maria zu suchen. Er schloss sie eben in seine Arme, als einer seiner Mitknechte, der ihm feind war, ihm sein Schwert in den Rücken stiess.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch