Das erfüllte Gelübde
Auf einem Dorf im Schweizerland war einmal eine Frau, die hatte dem heiligen Sankt Martin ein lebendiges Opfer verheissen. Aber sie liess die Erfüllung ihres Gelübdes lange anstehen, wohl ein Jahr oder zwei. Da fügte es sich einmal so, dass sie einen Hahn verlor. Nachdem sie ihn lang gesucht, sah sie ihn endlich auf einem Hause sitzen. Da rief sie und lockte ihn so lang, dass er auf Sankt Martins Kirche flog. Und da rief sie ihn weiter so lang, bis er auf das Glockenhaus flog. Da rief sie allerwegen fort, aber der Hahn wollte nicht herabkommen. Als er nun lange da oben gesessen war, da kam ein Sperber und erwischte ihn mit seinen Fängen und trug ihn mit sich hinweg. Da fing die Bäuerin an zu schreien und rief: «O heiliger Herr Sankt Martin, ich bin dir so lange Zeit schon ein lebendig Opfer schuldig gewesen. Drum nimm nun von Herzen diesen Hahn zum Opfer und lass ihn dir angenehm sein!»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch