Wie der Kaiser Friedrich der Staufer zween Weisen eine Frage vorlegte und die Antwort belohnte
Kaiser Friedrich, aus dem Geschlechte der Hohenstaufer, der Zweite dieses Namens, derselbe, der seinen getreuen Männern vom Lande Schwyz ihre Freiheit gebrieft und gesiegelt hat, der hatte zwei grosse Weise um sich: der eine Herr Bolgaro mit Namen geheissen und Herr Martino der andere. Es stund der Kaiser eines Tages zwischen diesen Weisen - der eine stand zu seiner rechten, der andere zu seiner linken Seite Und der Kaiser tat eine Frage an sie und sprach: «Wohlweise und fürsichtige Herren, kann ich nach dem Gesetz meinen Untertanen, wie ich will, dem einen nehmen und dem andern geben, ohne andern Grund, als dass ich der Herr bin? Denn es sagt das Gesetz, dass, was dem Herrn gefällt, Gesetz ist für seine Untertanen. Sagt an, ob ich also tun kann, wenn es mir beliebt!» Der eine nun von den beiden Weisen antwortete: «Herr, du kannst nach Belieben tun mit deinen Untertanen, ohne jede Schuld.» Der andere erwiderte und sprach: «Herr, mir scheint dem nicht also zu sein, denn gerecht ist das Gesetz und gerecht will, was es verfügt, beachtet und gehalten werden. Wenn ihr nehmt, so will man wissen, warum es geschieht, und also auch, wenn ihr gebt.»
Dieweil nun der eine wie der andere gesprochen, was einen jeden die Wahrheit deuchte, beschenkte der Kaiser sie beide: dem einen gab er einen scharlachroten Hut und einen prächtigen Schimmel, dem andern trug er auf, ein Gesetz nach seinem Geist zu machen.
Da fragte man sich unter Weisen, wen er reichlicher beschenkt. Und es wurde erkannt, dass er dem, der geantwortet, er könne geben und nehmen nach seinem Belieben, Hut und Ross geschenkt, wie man Gauklern tut, weil er ihm nach dem Munde geredet - und dem, der der Gerechtigkeit die Ehre gegeben, trug er auf, ein Gesetz zu schaffen.
Also herrschte Friedrich als ein Weiser unter Weisen über seine Lande.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch