Wie die Habsburg erbaut worden ist
Die Grafen von Habsburg waren von gutem altem Geschlecht zu Rom, und von Rom waren sie ins Land gekommen. Zwar waren sie nicht reich und mächtig, aber adlig in ihren Taten. Nun fügte es sich einmal, dass ihrer einer von diesem Geschlechte geistlich war. Der kam von Rom in dieses Land und ward Bischof zu Strassburg - dieses Bistum stand zu den Zeiten in grossen Ehren - und er brachte seinen Bruder mit sich von Rom. Dieser Herr war ein hübscher, adliger, leutseliger Mann, so dass ihn männiglich in dem Lande lieb hatte, Bauer und Edelmann.
Einmal begab es sich, dass der Junker ausritt, um weit herum im Lande zu jagen und zu beizen mit andern Edeln bis in den Aargau hinein. Da warf der Junker sein Federspiel nach einem Vogel und wollte seine Falken also hetzen. Das Federspiel stieg auf in die Lüfte so dass ihrer keiner wusste, wo es hingekommen wäre. Also suchten sie den ganzen Tag und konnten ihm nicht nachkommen. Der Herr liess aber nicht ab, er wollte seinen Habicht wieder finden. Anderntags, des Morgens, fanden sie den Habicht auf einem hübschen Bühl. Da ward der Herr froh, und der Bühl gefiel ihm gar wohl, und es kam ihn das Gelüste an, da ein festes Haus zu bauen. Er sprach zu den Edeln, die mit ihm waren, und zu den Dienern: «Ist es nicht eine Lust hier? Vermöchte ich meinen Bruder dazu, ich wollte mir hier ein Haus bauen!»
Morgens des anderen Tags brachte er es vor den Bischof von Strassburg und sagte ihm von der hübschen Lage des Ortes, und bat ihn, dass er ihm hülfe, er wolle dort ein schönes Schloss bauen. Der Bischof war bereit, seinem Bruder zu helfen, denn es war ihm lieb, dass er Lust auf das Land hatte, da er selber ihn ja hergebracht. Und so hub der Junker an, ein Haus zu bauen und nannte es Habsburg, Habichtsburg, und davon gewann er selber den Namen, denn vor der Zeit hatte er einen welschen Namen, und ward darum von Habsburg geheissen, weil er den Habicht auf dem Burgstall gefunden hatte. Also half der Bischof seinem Bruder fest und gab ihm grosses Gut, denn er war mächtig. Der von Habsburg aber teilte das Gut unter alle Herren, Ritter und Knechte, die da im Land umher gesessen waren, dass sie alle seine Diener und Freunde würden und gehorsam wären seinem Gebot, und wandte so den mindesten Teil an den Bau seiner Feste und an seinen eigenen Nutzen.
Einstmals fügte es sich, dass der Bischof von Strassburg sehen wollte, was sein Bruder gebaut hätte, und er kam mit vielen Herrschaften zu seinem Bruder gen Habsburg. Als der Bischof die Feste sah, da sprach er: «Bruder, mich dünkt, du habest noch gar wenig gebaut, an der Hilfe gemessen, die ich dir getan habe.» Der von Habsburg antwortete ihm: «Herr und Bruder, morgen sollt ihr den Bau erst recht sehen, den ich getan habe!» - denn er hatte heimlich nach allen seinen Dienern und Freunden geschickt. - Am andern Morgen, da die Herren aufstunden, da lag das Feld voll Volkes, und hatten ihr Gezelt aufgeschlagen, Herren, Ritter und Knechte. Der Bischof wähnte, er wäre belagert. «Nein, Herr », sprach der von Habsburg, « das sind meine Mauern, die ich gebaut habe. Wie gut auch mein Haus wäre, das hülfe mir nichts, hätte ich keine Freunde im Lande - die sind mir beholfen in allen meinen Nöten. Ich bin fremd im Lande, nun hab ich mir selber neue Freunde gemacht!»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch