Mutabor Märchenstiftung

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König Rudolf und Jakob Müller von Zürich

Land: Schweiz
Kanton: Zürich
Kategorie: Sage

Da König Rudolf noch Graf war, fuhr er einst mit den Bürgern von Zürich auf Fehde aus wider die Herren von Regensberg. In einem harten Streit stürzte er elendiglich vom Rosse, Und so heftig ward er getroffen, dass er für tot zu Boden fiel. Die Lagerbuben, die auf der Walstatt auf Beute ausgingen, nahmen ihm seine Waffen und Kleider und liessen ihn nackt liegen. Er stellte sich nämlich, als wäre er tot, damit er zu gelegener Stunde wieder aufstünde und sich von dannen hübe. Das sah ein Bürger von Zürich, genannt Müller, ein grossleibiger, hochgewachsener und starker Mann. Der trat vor ihn als ein Schild und schützte ihn. Mit starker Hand richtete er ihn auf und hob ihn auf sein Ross. Dann durchbrach er die Reihen der Feinde, warf sie auseinander und erschlug sie mit grausen Streichen. Also ward Rudolf gerettet.

Diese Wohltat aber bewahrte Rudolf treulich im Schrein seines Herzens, auch als er schon zum König war erhoben worden. Da er eines Tages in der Stadt Mainz weilte und unter seiner Ritterschaft sass bei Fürsten und Herren, trat jener Bürger Müller vor ihn. Voller Freude stand Rudolf vor ihm auf mit heiterem Antlitz und begrüsste ihn gar herzlich als seinen alten Freund und ehrte ihn höchlich. Darob verwunderten sich die Fürsten und Herren. Als man ihn fragte, warum er sich vor einem so schlichten Manne ehrfürchtig erhoben, der doch kein Zeichen der Würde trage, antwortete er: «Als ich noch Graf war, hat jener mich in einem Streit so gut wie tot den Feinden entrissen und auf sein Ross gesetzt. Durch seinen tapfern Arm bin ich dem Tode entronnen und habe meine Feinde niedergeworfen. Wie sollte ich den nicht ehren, der mir mit Gottes Hilfe das Leben gerettet?» Und vor aller Augen schlug er Jakob Müller zum Ritter und beschenkte ihn reichlich.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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