Mutabor Märchenstiftung

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Wie Kaiser Albrecht ermordet ward

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Rudolf, Herzog von Schwaben, Kaiser Albrechts Bruder, starb eines frühen Todes und hinterliess einen jungen Sohn, Johann mit Namen. Der ward an Kaiser Albrechts Hof mit dessen eigenen Söhnen erzogen; denn der Kaiser, seines Vaters Bruder, war sein Vormund und versah seine Lande und sein väterliches Erbtum. Als aber der junge Johannes bis ins zwölfte oder dreizehnte Jahr erwachsen, ward er von etlichen seiner Räte und Herren angestiftet, sein väterlich Erbland und sein Eigentum vom Kaiser zu fordern und selber Herr zu sein. Denn seine Räte, die er gebeten, es für ihn zu tun, wollten es nicht mehr tun, weil der Kaiser sie vormalen übel empfangen. Also ward der Jüngling bewegt, sein erblich Fürstentum von Kaiser Albrecht zu fordern; aber umsonst, denn der Kaiser sprach: «Unseres Vetters Leib, Gut, Land und Leute sind uns befohlen, und wenn es Zeit wird, wollen wir darin walten nach Gebühr.» Einmal ritt Johann mit dem Kaiser über Land. Da forderte er abermals, dass er ihm sein väterlich Erbland übergebe. Da ritt Kaiser Albrecht zu einer Staude, machte von grünem Laub ein Kränzlein; das setzte er dem jungen Johann auf und sprach: «Herr Vetter, dieses Kränzlein soll euch noch zu dieser Zeit erfreuen; aber Land und Leute zu regieren, soll euch zu gebührlicher Zeit auch gegeben werden.» Solches achtete das junge, hitzige Blut für eine grosse Schmach, frass und zerbiss mit den Zähnen das Kränzlein und beklagte sich weinend gegen seine Räte und begehrte, dass sie ihm gelobten, die Schmach am König rächen zu helfen.

Als König Albrecht im Jahre 1308 zu Baden im Aargau lag, kam am Sonntag ein Ritter, der dem König wohl bekannt war, zu Fuss an. Der König fragte ihn, was er für neue Märe bringe. Und jener sprach: «Herr, nichts anderes; aber als ich habe hierher reiten wollen, begegnete mir ein Schwarm Hornissen, die also heftig in mich stachen, dass ich vom Pferd steigen und zu meinem Schutz den Sattel über den Kopf nehmen musste. Kaum und mit Not bin ich ihnen entwichen. Alsbald setzte sich dann der ganze Schwarm auf mein Ross, stach und peinigte es, und so ist’s im Feld tot geblieben.» Darüber verwunderte sich der König bass und sprach: «Das ist ein unerhört Ding! Das bedeutet nichts Gutes.»

Auf Sankt Walpurgentag, zu Anfang Mai am Morgen, wollte König Albrecht von Baden gen Rheinfelden reiten, allwo die Königin weilte. Da ritt der junge Herzog Hans mit ihm, und als sie zu Windisch über die Reuss wollten fahren, da war nur ein Schiff am Ufer, und der Kaiser trat zuerst in den Nachen. Zu ihm gesellte sich Johannes. Sie fuhren zuerst hinüber vor dem andern Gesind, das langsam nachkam. Und als sie aus dem Schiff stiegen und den Rain hinaufritten mit wenig Rossen - denn die andern waren noch jenseits der Reuss, auf die Wiederfahrt des Schiffes wartend - da hielten Johanns Räte, Herr Rudolf von Wart, Walter von Eschenbach, Ulrich von Balm, Konrad von Tegerfelden mit starker Macht. Die eilten herzu auf den Kaiser. Da sprang Johann von seinem Pferde, ergriff des Kaisers Ross beim Zaum und schrie: «Du Hund, jetzt will ich sehen, ob mir mein väterlich Erb möge werden, und dir der bewiesenen Schmach Lohn!» Der Knecht griff nach dem Zügel, und Rudolf von Wart rief: «Wie lange wollen wir diesen Keib noch reiten lassen?» Und indem stiess ihm Herzog Johann den Dolch in den Hals. Herr Rudolf von Wart durchstach Albrecht mit dem Schwert, Ulrich von Balm aber zerspaltete ihm das Haupt. Also fiel der Kaiser vom Ross und verschied, einer gemeinen Frau, die dem Hof nachzog, im Schoss.

Des Kaisers Diener aber, die noch jenseits des Wassers waren, als sie das Mordgeschrei von ihres Herren Tod hörten, erschraken gar übel, nahmen Leopold, den jungen Sohn Albrechts, und eilten mit ihm hinter sich auf die Feste Baden, damit ihm keine Untreu widerführe.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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