Des Herzogs Narr
Leopold von Österreich hatte einen Narren, der war aus dem Lande Uri gebürtig und ihm gar lieb. Und alle hiessen ihn nur den Heini von Ure. Wie nun der edle Fürst entschlossen war, wider die Eidgenossen in Streit zu ziehen, da sagte Heini zu ihm: «Herr, hüte dich! Sie werden dich bei Gott, bei Gott zu Tode schlagen.» Aber der Herzog hatte seiner Worte nicht acht und fuhr zu.
Heini aber nahm eine Menge Totenschädel und tat sie in einen Sack. Den trug er immer bei sich. Eines Tages ging der Herzog mit den Herren vom Hofe auf einen Berg und der Narr mit ihnen. «Schaut her!» rief er aufs Mal und leerte seinen Sack aus über den Berg ab. Da kollerte der eine Schädel dahin, der andere dorthin, der eine geschwind, langsam der andere, einige blieben in Strauch und Staude hangen, andere zerschellten am Gestein. Und der Narr lachte
und sprach: «Sehet ihr: so eigensinnig, wie sie im Leben gewesen, so dass es manch einem den Kopf gekostet hat, so hat auch jetzt noch ein jeglicher seinen eigenen Kopf!» Das deuchte alle ein seltsam Stücklein, und sie lachten weidlich darob.
Als nun der Herzog mit seinem Heere vor Sempach lag und die Eidgenossen herankamen zur Schlacht, da sprachen etliche Herren von Hofe zum Narren: «Heini, schau, deine Landsleute von Uri sind grad dort vor uns im Wald! Warum gehst du nicht zu ihnen und grüssest sie?» und trieben also ihren Spass mit ihm. Der Narr aber, als man seiner nicht acht hatte, lief vor den Wald zu und kam zu den Wachen. Die fingen ihn und fragten ihn also viel und lang bis dass sie erkannten, was er für ein Gesell war. Da liessen sie ihn gehen und hiessen ihn wieder zu seinem Herrn laufen. Derweil er aber bei ihnen sich aufgehalten, hatten aller vier Länder Banner als ein Mann von neuem zusammengeschworen im Wald, Leib und Leben tapfer einzusetzen und vor niemand, bis in den Tod nicht, zu weichen. Das hatte Heini gesehen, und als er nun wieder zu des Herzogs Heerzug kam, lief er ungestüm vor den Fürsten und sagte, er wäre im Wald bei seinen Landsleuten gewesen, die hätten alle als ein Mann ihre Hände erhoben und geschworen, sie wollten ihn, den preislichen Fürsten zu Tod schlagen. Darum sollte er nicht dableiben, sondern flugs hinwegfahren und nicht streiten. Das trieb und machte der Narr so mächtig und grauslich, dass der Herzog sich darob entsetzte. Da sandten die Herren den Narren rückwärts auf Sursee zu, dass er nur schwiege. Heini ging in die Löffelburg allda und wartete, bis man die Leiche seines Herrn mit sechsundzwanzig seiner vornehmsten Getreuen, welche die Eidgenossen erschlagen, nach Königsfelden führte.
Man hätte den edlen Fürsten wohl aus der Schlacht davongebracht mit dem Leben. Er aber sprach, er wollte lieber sterben mit Ehren als ehrlos leben auf Erden, und fuhr wider die Feinde mit all seinen getreuen Rittern und Knechten und tötete manchen Feind, bis dass die Eidgenossen den Sieg gewannen, und der lobesame Fürst seinen Geist Gott dem Allmächtigen in seine Hände musste befehlen. Also fielen die Starken in dem Streit und sind die streitbaren Wappen untergegangen und wurden mit dem Herzog guter Ritter und Edelknechte mehr als hundertundzwanzig erschlagen,
dass sie lagen in dem Bluot
tot mit tiefen Wunden.
So ward der edel Fürste guot
Mit wehrlichen Händen gefunden.
Trauernd folgte ihm der Narr zur Gruft und ist in derselben Gegend geblieben bis zu seinem Tode.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch