Mutabor Märchenstiftung

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Der Zwingherr von Wolhusen

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

In Wolhusen war einst eine Zwingburg. Eines Tages ritt der Herr bei einem Bauernhause vorüber und sah daselbst einen gewaltigen Buchenstrunk liegen. Barsch befahl er dem Bauern, dass er längstens bis zur Mittagszeit des andern Tages ihm das schöne Bauholz aufs Schloss hinauf gebracht haben müsse. Sprach`s und sprengte davon. Dem Manne aber war es nicht nur leid um den schönen Stamm; es war ihm auch bange, wie er mit seinem schwachen Gespann den schweren Stock den steilen Schlossweg hinaufbringen möge. Kummervoll werkte er weiter an seiner Arbeit. Da trat auf einmal ein Männlein zu ihm, das fragte ihn, was ihm die Seele drücke. «Du kannst mir doch nicht helfen» erwiderte der Bauer. Aber das Männlein liess nicht nach, bis er alles erzählt hatte. Da sprach es: «Lass es nur gut sein und betrübe dich nicht; ich will dir schon helfen! Es soll nicht fehlen!»

Und richtig, als der Landmann am folgenden Morgen sich ans Werk machen will, da steht aufs Mal das Männlein mit drei mageren, rabenschwarzen Gäulen mit struppigen Mähnen auf dem Platz, hatte angespannt und fuhr staubvomboden stracks den Hügel hinan der Burg zu, und ehe der Bauer sich besonnen hatte, waren sie droben vor dem Schlosse. Der Junker kam schnell zum Zug herunter und staunte ob den mageren drei Gäulen, die schaumschnaubend mit bebenden Flanken stillstanden, und fragte das Männlein, wo es die Wundertiere herhabe, und schloss: «Die bleiben dann da! Sie sind mein.» «Jo fryli, he!» erwiderte das Männlein, «allweg sind sie dy. Lueg, dä a der Stange isch dyn Urgrossvatter, dä i de Bäume dyn Grossvatter, dä vorus dyn Vatter, du wenn`s nid wär gange, so hätt di no derzue ygspannt», und die Rosse nickten mit den Köpfen zu diesen Worten. Im selben aber krachte ein Donnerschlag, und die Burg samt dem Junker, dem Männlein und dem Zug waren im Berg versunken.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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