Mutabor Märchenstiftung

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Der starke Knecht

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Auf dem Schlosse zu Erlach hauste einst ein gestrenger Landvogt. Der drückte und drängte das Volk mit Fronden und Steuern ohn Ende, aber auch sein eigen Gesinde hielt er hart und quälte es. Kein Knecht war ihm stark genug. Werken und Schaffen musste er über die Kraft. Wer`s nicht vermochte, wurde mit Hunden gehetzt und mit der Peitsche getrieben, bis er zusammenbrach. Manche übertaten sich, und arbeiteten sich zu Tode, andere liefen lieber heut als morgen davon, und hundert Flüche des Himmels wurden, laut und verschwiegen, wider den Herrn getan.

Eines Tages meldete sich, wie so manches Mal, ein neuer Knecht im Schlosse und trug dem Ritter seine Dienste an. Es war ein Fremder, keiner kannte ihn. Der Herr schaute ihn an, vom Kopf bis zum Fuss. «Hm», meinte er, «der scheint mir der Rechte zu sein, der soll mir nicht entgehen.» Denn der Bursche war hochgewachsen und starkleibig, hatte breite Schultern, gewaltige Arme und Beine. «Bist du auch stark genug? Denn mir kann`s nicht jeder. Zeig einmal deine Kraft, heb den Stein da in die Höhe.» Und er wies auf einen gewaltigen, drei Zentner schweren Felsklotz hin, der bei der Schlossmauer lag. Der Geselle lächelte, packte den Stein mit beiden Händen und schleuderte ihn hoch in die Luft, so dass er tief in den Boden fuhr, als er auffiel. Staunend sah der Burgherr dieses Stücklein. «Woll, woll, bleib nur gleich da, sollst es gut haben bei mir.»

Eine Weile ging alles gut. Der Knecht tat recht und der Herr auch. Eines Tages aber schickte er ihn mit vier starken Rossen in den Wald, um ein grossmächtiges Fuder Holz zu holen. Der Bursche belud den Wagen, dass die Achsen ächzten, aber kaum hatten die Rosse angezogen, da standen die zwei vorderen stockstill, schlugen mit den Köpfen hin und her und waren nicht von der Stelle zu bringen. Der Knecht trieb die Tiere nicht lange mit Hü und Hott, sondern er spannte sie aus, band sie hinten an den Wagen, stand an ihrer Stelle ins Geschirr, ergriff die Deichsel und zog, dass die Räder nur so fort rasselten und prasselten, und das Holz holperte und polterte.

Das alles sah der Herr staunend von der Burg. Wie aber das Fuhrwerk durchs Tor der Altstadt gekommen, da wo der Weg erst recht stotzig und holperig wird, da standen auch die beiden andern Pferde still und rührten sich nicht mehr vom Fleck. Der Knecht spannte sie ebenfalls kurzerhand aus, band sie zu den andern und riss die ganze Ladung in einem Zuge zum Schloss hinauf. Der Ritter sperrte Mund und Augen auf wie Pflugräder und hielt sich am Ledersessel fest, denn jetzt wurde es ihm doch ein bisschen bange. Hm, dachte er und holte tief Atem, der Kerl hat Kraft, mehr als mir lieb ist, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich ihm nicht binnen vierzehn Tagen Meister mag und ihn los werde.

Anderntags schon befahl er allen Knechten und Fronleuten des Schlosses, einen Sodbrunnen zu graben. Tag und Nacht musste daran geschafft und gewerkt werden, und das meiste musste der starke Knecht leisten. Schon war der Schacht so tief gegraben, dass man vom Grunde am heiterhellen Tag die Sterne schimmern sah, der Knecht stand unten mit gekrümmtem Rücken und warf Erde und Steine empor, dass es nur noch so schnob und stob. Da befahl der Ritter den andern Knechten, die oben standen, um den Aushub abzuführen, sie sollten einen schweren Felsklotz in den Schacht hinunterwerfen. Denen schlug das Herz im Halse, als sie den Stein über den Rand rollten, aber da kam der Trumm wie ein Holzscheit aus der Grube heraufgeflogen, und aus der Tiefe scholl lautes Lachen und des Knechtes Stimme: «Was wollt ihr mir Sand in die Augen streuen, lasst das sein, sonst kommt’s nicht gut!» Die Werkleute stoben auseinander wie Hühner, unter die der Weih fährt. Der Vogt, fahl wie kalte Asche, lief zur Burg, so schnell ihn seine Füsse trugen, aber schon hatte sich der seltsame Knecht aus dem Loch geschwungen und kam hinter ihm dreingefahren wie der Biswind. Unterm Tor erreichte er den Ritter und packte ihn am Kragen, heiser gellte ein Schrei, und von Stund an waren beide verschwunden.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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