Mutabor Märchenstiftung

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Der letzte Freiherr von Remüs

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Vor langen Jahren lebte einst auf der Burg zu Remüs ein mächtiger Freiherr, ein stattlicher Mann, jung und schön, in glücklicher Ehe verbunden mit der einzigen Tochter des Herrn auf dem Alten Turm in Zuoz. Und zwei holde Knäblein hatte Gott ihnen geschenkt. Aber Glück und Glas, wie bald bricht das!

Die Edelfrau bemerkte nämlich alsgemach, dass ihr Gemahl seit einiger Zeit nicht mehr so liebreich zu ihr war wie ehedem, ja kaltsinnig und mürrisch ihr begegnete. Auch ward sie inne, dass er je länger, je öfter und zuletzt gar täglich zu einer bestimmten Stunde das Schloss verliess und erst spät in der Nacht wieder heimkehrte. Wohin er ging und was er tat, sagte er nicht, und ohne Gruss ging er fort, und finster kam er zurück. Da fragte die Frau eines Tages den Jäger, der den Herrn auf seinen Gängen zu begleiten pflegte. Der aber sprach: «Gnädige Frau, fragt mich nicht. Ein Eid bindet meine Zunge.» Die Edelfrau aber gab dem Jäger zwei Beutel, der eine war mit Gold, der andere mit grobem Sand gefüllt. Und der Jäger verstand gar wohl die Weisung seiner Herrin. Schweigend nahm er beide Beutel, das Gold behielt er für sich, und den Sand streute er unvermerkt hinter sich aus, als er seinen Herrn den nächsten Tag wieder begleitete.

Die Edelfrau folgte der Spur durch Weide und Wald bis weit hinein ins Assatal zu einer Höhle, die tief in den Berg ging. Davor lag der Jäger im Grase und schlief und hätte doch wachen sollen. Behutsam trat die Frau in das Innere der Höhle. In einer weiten Halle, die allum von vielen Farben funkelte wie der bunte Regenbogen, fand sie ihren Gemahl schlafend in den Armen einer fremden Frau, golden glänzte ihr Haar, blütenweiss leuchteten Antlitz und Hände, und silbern schimmerte ihr Gewand. Es war die Fee des Tales. Rasch schnitt die Edelfrau ihr die beiden langen Flechten ab, und sachte, wie sie gekommen, verliess sie den Ort.

Der Burgherr kam traurig heim und konnte seinen Trübsinn nicht verbergen. Doch schwieg er still wie immer. Da schloss die Frau ihre Truhe auf und reichte ihm die goldenen Flaarflechten der Fee. «Hier, nimm die Fesseln, die dich binden, und geh hin und tue weiter nach deines Herzens Begehr. Nimmer will ich dich halten wider deinen Willen, weiss ich deine Liebe verloren.» So sprach sie mit sanfter Stimme und gab ihm ihren Ring zurück. Diese Worte brannten dem Ritter in der Seele wie Feuer, und er schwur ihr bei seinem Schwert, die Fee fürder zu meiden. Und er hat Wort gehalten. Er hiess den Jäger die Flechten nach der Höhle tragen und dort niederlegen.

Aber am dritten Tag darnach vernahm der Torwart zu eben der Stunde, da sonst der Burgherr zur Höhle gegangen, einen gellen Wehruf aus dem Walde. Klagend rief eine helle Stimme:

«Weh dir, weh!

Fluch ergeh,

Dein Blut verderb,

Dein Stamm ersterb, In fremde Hand

Komm Gut und Land!»

Aber der Freiherr blieb fest und ging nicht mehr nach jener Höhle. Bald darnach aber ist er in einer Fehde gefallen. Und wieder nach einer kleinen Zeit starben beide seiner blühenden Söhne zu ein und derselben Stunde. Die Edelfrau aber beschloss ihre Tage leidzerfurcht und kummergebeugt in hohem Alter als Äbtissin zu St. Maria im Münstertal.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch