Mutabor Märchenstiftung

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Der Krötenritter von La Sarraz

Land: Schweiz
Kanton: Waadt
Kategorie: Sage

Auf der Burg La Sarraz im Waadtland lebte vor grauen Zeiten ein junger Edelmann mit seinen alten Eltern. Der war Vasall eines Grafen und fuhr oft auf Fehde aus wider die Feinde seines Herrn. Und so männlich focht er für seines Herrn Fahne, dass der ihn höchlich ehrte und vor allem Volk auszeichnete. Da aber geschah es, dass der junge Ritter von La Sarraz die schöne, stolze Tochter des Grafen liebgewann, also dass er um sie warb. Die Leute freilich sagten, sie habe ein Herz aus Stein. Aber der Ritter hörte nicht darauf, und der Graf gewährte ihm die Hand seiner Tochter, wenn er der Braut dreihundert Pferdkühe und einen Burgstall als Morgengabe darbieten könne. Das war alles, was seine Eltern besassen, und der Sohn grämte sich, da er nicht so viel aufbringen konnte. Da liessen ihm die Eltern alles, was sie hatten, damit er also nur sein Glück erlange. Sie liebten ihren Sohn mehr als sich selbst. Also ward das vornehme Fräulein des armen Ritters Frau, und sie lebten herrlich und in Freuden auf ihrem Schlosse.

Vater und Mutter aber, die sich kein Altenteil ausbedungen hatten, kamen bald in harte Not und darbten. Doch der Sohn mochte nichts davon hören. Da kam ein strenger Winter ins Land. Eines Abends, als der eisige Wind den Schnee in dicken Flocken um die Burg wirbelte, da pochte es ans Tor. Die armen Eltern des Ritters baten um Einlass. Man nahm sie auf, aber ungern genug. Und eine Weile beherbergte man sie; sie sassen am Tisch und assen mit, aber stündlich liess man sie merken, dass ihnen jeder Bissen vergönnt sei, und wie schwer man sich tue mit so unerbetenen Gästen im Hause. Und die herzlose Burgfrau liess bald ihrem Manne keine Ruhe, bis er eines Tages die Eltern verstiess. In ihren schlechten Gewändern, ungespeist und ohne Wegzehrung wurden sie von den Knechten vors Schloss gebracht und hinter ihnen die Pforte verriegelt.

Traurig irrten die beiden Alten in der Nacht umher, hungernd und frierend, und wussten nicht, wo ihr Haupt hinlegen. Derweil sass der Sohn behaglich im weichen Lehnstuhl vor dem flackernden Kaminfeuer am gedeckten Tisch. Alsbald wurde der Abendimbiss aufgetragen: eine Wildbretpastete und eine Kanne schäumiges Bier. Aber wie der Ritter den knusperigen Deckel des Backwerks abhob, da fuhr er gell aufschreiend zurück. Schreckensbleich, mit starren Augen, blickte sein Weib ihn an: zwei garstige Kröten waren ihm aus dem Teiggehäuse ins Gesicht gesprungen und hatten sich an seinen Backen festgekrallt. Voller Angst und Ekel versuchte die Frau mit zitternden Fingern, ihrem Mann die scheusslichen Tiere von der Wange zu klauben. Aber je mehr sie riss, desto fester gruben sie sich ein und, geifrig sich blähend, schnappten sie nach den blutunterlaufenen Augen des Ritters. Grausen packte die Frau. Sie rief Mägde und Knechte zu Hilfe, aber auch sie vermochten es nicht, ihren Herrn von den Ungetümen zu befreien. Sie sassen wie festgewachsen in seinem Fleisch.

Nach Stunden des Schmerzes, der Wut und der Scham bat der Ritter seine Frau, dass sie den Burgpfaffen hole. Der Kaplan hörte seine Beichte wohl an, aber er bekreuzte sich und sprach: «Nicht vermag ich Euch solcher Sünde ledig zu sprechen. Geht zum Bischof, vielleicht kann er Euch helfen.» Alsbald machte sich der Ritter auf und ritt, so rasch sein Ross lief, zum Bischof. Wie der die Kröten im Antlitz des Ritters erblickte und vernahm, was er getan, bekreuzte auch er sich und sprach: «Pilgere nach Rom, mein Sohn, zum Heiligen Vater; wenn einer in der Welt, so wird er dir Gottes Gnade erwirken können.» Schweren Herzens machte sich also der Herr von La Sarraz auf und zog als Büsser über die Berge nach Rom, die Kröten im Gesicht. Also trat er vor den Heiligen Vater und warf sich ihm zu Füssen und beichtete ihm seine Missetat. Der Papst legte ihm eine harte Busse auf und sprach zu ihm: «Kehr in deine Heimat zurück und such Vater und Mutter auf, und wenn sie dir verzeihen, so wird das Schandmal verschwinden, womit dich Gott gezeichnet hat.»

Also kehrte der Ritter heim. Aber wo sollte er seine verstossenen Eltern finden? Sie waren und blieben verschollen. Doch ohne Rast und Ruhe schweifte und streifte er weithin durchs Land, sie zu suchen. Eines Tages ritt er durch einen verschneiten Wald. Da kam er an eine einsame Klause, und wie er eintrat, um auch den Waldbruder nach seinen Eltern zu fragen, da fand er die Leichen eines alten Mannes und einer alten Frau, die lange verhungert und erfroren waren. Alsbald erkannte er seinen Vater und seine Mutter. Er warf sich zur Erde und weinte bitterlich und bat um Vergebung für seinen Frevel. Da wichen die Kröten von seinen Wangen, krochen aber auf seinen Rücken, wo sie sich wieder festsetzten. Der Ritter begrub seine Eltern nach den heiligen Bräuchen. Aber zwanzig Jahre lang trug er die Kröten auf seinem Leibe unter dem Wams verborgen. Sein Weib aber ward bald von einer Schlange gebissen und starb eines qualvollen Todes. Er selbst aber ist später von seinem eigenen Sohne erstochen worden, der, des Erbgutes begierig, den Tod des Vaters nicht abwarten mochte. Aber kaum war der Vater tot und begraben, da wurde der Sohn auf der Jagd von einem Bären zerrissen.

Also erlosch das Geschlecht der La Sarraz ehrlos und ruhmlos. Zum Gedächtnis dieses Frevels und seiner Sühne aber stellte man in der Burgkapelle zu La Sarraz das steinerne Bild eines Ritters auf, dem auf Wangen und Rücken zwei Kröten sitzen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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