Der gerechte Landvogt
Es ist nun schon viele hundert Jahre her, da war eines Tages Pietro, ein Bauer aus Faido an den Tessin hinuntergegangen, um einige Erlen nahe am Flussbord umzutun. Aber wie er mit der Axt allzukräftig ausholte, übernahm’s ihn, und er stürzte rücklings ins Wasser. Das sah zum guten Glück sein Nachbar Lorenzo, der eben den Mist auf der Matte verzettelte. Er eilte mit seiner Furke herzu und zog armen Pietro, der schon am Ertrinken war, gerade noch ans Ufer. Darunter aber stiess ihm ein Zinken der Gabel das eine Auge aus. Lorenzo trug den halb Entseelten in sein Haus, brachte ihn zu Bette und pflegte ihn liebreich und mit grosser Sorgfalt. Aber kaum war Pietro soweit zuweg, dass er wieder stehen und gehen konnte, da begab er sich geradenwegs um Landvogt und verklagte den Lorenzo wegen des ausgestossenen Auges. Der Landvogt hörte sich die ganze Geschichte an, dann sprach er: «Gut Pietro, ich werde den Mann vor mich rufen, und es soll dir Gerechtigkeit geschehen.»
Also wurden beide; Pietro und Lorenzo auf dieselbe Stunde von Gericht geladen, und der Landvogt sprach zu Pietro: «Du bist in den Fluss gefallen Nun hättest du dich entweder aus eigenen Kräften retten können, dann hätte dir dein Dorfgenosse nicht beispringen brauchen und dir auch das Auge nicht ausgestossen. Oder aber du wärest hilflos ertrunken, und dann stündest du jetzt nicht hier. Aber niemand von uns vermag mit Sicherheit zu sagen, welchen Weg es hätte gehen können. – Drum, ihr Schergen, nehmt diesen Mann da, führt ihn auf die Brücke und werft ihn in den Tessin! Wenn du dir selber helfen kannst, dann komm wieder zu mir, und deine Klage soll nach dem Recht gerichtet werden. Ertrinkst du aber, so hat Gott dir das Urteil gesprochen.»
Als Pietro diese Rede vernahm, da ward er so weiss wie die Wand. Er fiel vor dem Landvogt in die Knie und bat um Gnade: «Nun wohl», sprach dieser, «so mag dir diese Probe erspart bleiben, geh heim und freue dich, dass du noch lebst, ob auch nur noch mit einem Auge und schäme dich vor Gott und Menschen deines undankbaren Sinns!» Pietro ging voller Scham und Schande nach Hause und sprach auf dem Weg zu sich selber: «Wahrlich, es ist mir recht geschehen!»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch