Mutabor Märchenstiftung

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Der Richter von Bellenz

Land: Schweiz
Kanton: Tessin
Kategorie: Sage

Zur Zeit der Vögte lebte in Bellenz ein Richter. Der übte sein Amt nach Gesetz und Recht, unbeugsam; er strafte unerbittlich, wo zu strafen war, gleich ob der Missetäter arm oder reich, hoch oder nieder. Darob hassten ihn manche vornehmen Herren des Landes, die gewohnt waren, nach Willkür ungescheut und ungestraft zu freveln. Und da sie von ihrem zügellosen Treiben nicht lassen wollten, so traf sie des Richters strenger Spruch Mal für Mal. Da beschlossen einige unter ihnen, den Richter zu töten. Drei der übelsten Gesellen verschworen sich und passten ihm an einem bestimmten Tage mit Dolch und Schwert an der Landstrasse zwischen Giubiasco und Cadenazzo, denn der Gerichtstag ward allemal zu Magadino abgehalten, und erst gegen Mitternacht pflegte der Richter heimzureiten, allein und ohne Geleit. Lange lagen die Meuchler und lauerten auf jeden Laut. Endlich hörte man Rossegetrappel, aber siehe, der Richter kam nicht allein des Weges geritten. Drei Jünglinge, in silberblinkenden Rüstungen, schimmernde Schwerter in den Händen, ritten auf weissen Rossen still vor ihm her, und dreie hinter ihm. Wutknirschend sprachen die Mordbuben zueinander: «Kommt Zeit kommt Rat! Den sechsen wollen wir das nächste Mal schon Meister werden!» Und unlang, so lagen ihrer sechse wiederum an der Heerstrasse im Hinterhalt. Die Glocken schlugen elf Uhr. Nach einer Weile sprengte der Richter heran, aber siehe, vor ihm und hinter ihm ritten diesmal je sechs Gewappnete gleichen Anblicks wie die vorigen Und abermals war der Überfall vereitelt. Aber die Verschworenen ergaben sich noch nicht. Beim dritten Anschlag waren es zwölf Spiessgesellen auf der Lauer. Aber, o Wunder, als der Richter nahte, erscholl der Boden unter den Hufschlägen von 25 Rossen. Je zwölf Reiter, den früheren gleich, kamen vor und hinter dem Richter in einer Reihe einhergeritten. In ihrer Mitte ritt der Richter, still versonnen, als wenn er allein des Weges käme. Bestürzt ritten die Mörder der seltsamen Schar nach bis vors Lauiser Tor, wo der Richter wohnte, um zu erkunden, wer die Reiter seien und wie ihr Anschlag wohl möchte verraten worden sein. Vor dem Hause des Richters aber zerfloss die weisse Schar wie ein leuchtender Nebelstreif im Dunkel der Nacht. Da erkannten die Bösewichter, dass der Richter in der Hut einer höheren Macht stand. Sie traten vor ihn und gestanden voll Angst und Reue, was sie im Sinne gehabt. Der Richter aber verzieh ihnen, sie der Gnade dessen überweisend, der sie davon abgehalten.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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