Der ungleiche Gotteskampf
Es war einmal ein König, an hohen Ehren reich, und gewaltig herrschte er über Land und Leute. Der hatte zwei Amtmänner. Die waren gar ungleich von Sinn und Wandel. Der eine war der Pfleger der Ritterschaft, der andere bestellte die Hofhaltung und beschickte, wessen man allda bedurfte, ob es Frauen galt oder Mannen. Alles richtete er in bester Weise aus, so dass sein Lob aus aller Munde erscholl.
Doch Neid und Hass, die zu keiner Stunde stille liegen, kann niemand entrinnen, auch der Beste nicht. Der Wart der Ritter sah scheel auf seinen Genossen, dem so viel Ehre ward, und er sann, wie er ihn verleumde und um Ruf und Namen bringe. Eines Tages trat er vor den König und sprach also: «Herr, es ist nicht alles wohlgetan, was euer alter Amtmann bei Hofe tut. Er tut nichts als Unrecht und kränkt so eure Herren und Knechte wider alle Gebühr. Euer Gut vergeudet er, also dass es täglich hinschwindet; er stiehlt und raubt und macht seine Freunde zu grossen Herren, damit sie desto mehr zu ihm halten. Will`s Gott, so soll ihm das aber nicht weiter so hingehen, und er soll nicht ungebüsst davonkommen. Ich bin zum Kampf bereit, um seine Bosheit und Schlechtigkeit vor Gott und aller Welt zu erweisen, die er allzulange schon dargetan hat.»
Der König verschloss seine Ohren dem Einbläser nicht. Da kam der alte redliche Mann in grosse Not. Er fürchtete, dass aus dem Unglück ihm am Ende noch der Tod möchte werden, ob er gleich unschuldig der Verbrechen wäre, deren sein Feind ihn zieh. Das tat ihm Neid und böser Hass. Wie er nun so angeklagt war auf sein Haupt, da suchte er einen Kämpfer an seiner Statt. Denn er war alt und hatte nicht der Kräfte mehr selber zum Kampf. Da aber zeigte sich bei seinen Freunden, wie klein ihre Treue war. Er suchte Hilfe und fand sie nicht bei denen, die so oft seine Wohltaten genossen. Sie liessen ihn in seiner Not allein.
Da aber trat aus dem Kreise seines Gesindes unversehens ein Ackerknecht hervor. Der sah den treulosen Ritter an, der sich schon in seinen Waffen spreizte, und dachte: «Will Gott mir helfen nach der Unschuld Fug, dann hab ich den Ritter überwunden.» Und zur Stunde trat er fröhlich in den Ring. «Das ist ein spasshaft Ding», sprach da der furchtbare Ritter, «dass so ein Bauer also meiner zu spotten wagt. Dem will ich seinen Spott heimzahlen, dass er für immer genug haben soll!» Und voll Grimmes schlug er mit seinem Schwerte auf ihn ein. Der Knecht aber stand gar besonnen da und wich nicht einen Schritt, der Schlag wog ihm nicht schwerer als ein Wind. Noch schlug er aber nicht zurück. Doch der Ritter wollte den Bauern tot haben und schlug abermals drein voller Zorn. Der Knecht aber nahm seine Blösse wahr und gab dem Ritter einen Schlag auf den Arm, dass ihm sein Schwert entfiel und er keinen Schlag mehr tat. Und so hart war er versehrt, dass mit dem Blut sein Leben ihm entströmte. Des alten Amtmanns Unschuld war am Tage. So offenbart sich Gottes Gerechtigkeit und schlägt Untreu zur Erde.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch