Der Gygelispanner auf der Risi
In der Risi, unweit Döttingen, hauste voreinst ein Räuber und Mörder, der Gygelispanner. Dort, wo die Strasse durch dichten Wald, Steingewirr und an Schluchten vorbei eine Schleife macht, lauerte et allabend Kaufleuten auf, die mit wohlgefülltem Geldbeutel etwa an die Zurzacher Messe reisten. Hier sass er beharrlich just an der Stelle, wo kein Fuhrwerk ausweichen konnte, ohne dass es gefahrte, in den Abgrund zu stürzen, und wo kein Fussgänger so flink entsprang, dass ihm nicht der Laurer gleich wieder den Weg abgeschnitten hätte.
Wie ein Bettelmann sass er am Bord und fing allemal an, ein Schlemperlied zu geigen, wenn wer des Weges kam. Aber wenn ihm der ein Almosen zu reichen sich anschickte, so stiess er ihm unversehens das Messer ins Herz. Die Toten raubte er aus und stürzte sie dann entweder in den Abgrund, wo wilde Tiere die Leiche frassen und das Gebein verschleppten, oder er schleifte sie ins Waldesdickicht und verscharrte sie dort in Gruben, die er schon lange dazu gegraben hatte.
Als der Mörder nun eines Abends hier wieder mit seiner Geige sass und passte, da rief’s plötzlich gellend laut: «Komm!» «Ja», antwortete er. «Komm», rief's wieder. «Ja», antwortete er abermals. Und so noch einmal. Dann war’s wieder totenstill wie zuvor im abendlichen Walde. Das kam ihm sonderbar vor, ein Schauder überlief ihn, und er ging in sein Haus.
Am andern Abend sass er wieder an derselben Stelle. Da rief ’s wieder: «So komm doch!» Jetzt galt’s, er wusste, wer ihm da rief. «Wohl heut!» rief er zurück, nahm seine Geige vom Boden auf, ging fiedelnd auf die Risi und sprang in die Aare hinab.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch