Der falsche Geissler
Weit und breit der hablichste Bauer im Lande Entlebuch war vor vielen hundert Jahren der Meister im Krähen-Moos zu Escholzmatt. Aber wie reich er sein mochte, so war er doch weder geizig noch habsüchtig, sondern hatte ein mildes Herz und eine offene Hand für arme Leute und fahrendes Volk, deren es viele gab, dazumal wie heutzutage.
Zu jener Zeit zogen in ganzen Scharen und einzelweis Männer und Frauen landauf, landab mit schweren Kreuzen auf dem Rücken; die sangen Klagepsalmen und schlugen sich den eigenen Leib blutig mit stacheligen Geisseln und scharfen Ruten zur Sühne für eigene und fremde Sünden. Und drum hiess man sie auch nur die Geissler. Ob so harter Busse sah das Volk auf zu ihnen wie zu Heiligen. Aber es sind nicht alle heilig, die in aller Heiligen Kirchen gehen, und kein Mensch ist so heilig, er habe denn zu Zeiten dem Schalk ein Kleid angezogen, und wäre es Kutte und Kreuz.
Ein solcher Geissler, mit einem grossmächtigen Kreuze beladen, trat eines Abends beim Zunachten im Krähen-Mooshof unter die Tür und bat demütig um ein Nachtlager. Einen so heiligen Mann unter ihrem Dach zu beherbergen und ihm Gutes tun zu können, das deuchte die reichen Bauersleute ein grosses Glück und so recht ein Zeichen himmlischer Huld, und sie stellten dem Gaste das Beste auf aus Küche und Keller, damit er so recht sich laben möge. Doch der Büsser schlug die feinen Speisen aus und bat um geringe Kost und ein schlechtes Lager. Das Bett bereitete man ihm im oberen Stock; da hinauf schleppte er auch sein Kreuz. Und er wusste nicht Worte genug, um für alle Güte zu danken. «Gott gebe euch allen eine friedsame Nacht, und alle seine Engel mögen über euch wachen!» sprach er noch, ehe er die Kammertüre hinter sich zutat.
Alsgemach wurde es still im Hause, und bald lag alles im tiefen Schlaf. Nur zweie wachten. Es wachte auf seinem Laubsack der treue Knecht, ob auch der Schlaf ihm schwer auf die Augendeckel drückte. Denn der hatte mit dem ersten Blick dem Fremdling tief in Aug und Herz geschaut. Der Argwohn gab ihm keine Ruhe. Gegen Mitternacht stand er auf und schlich auf den blutten Füssen nach der Kammer des Pilgers. Und richtig, durch das Schlüsselloch schimmerte ein matter Lichtschein. Er spähte hindurch, da sah er wie der Geissler eben dem Kreuzbaum Diebsgeräte und Mordwaffen entnahm. Und vor sich auf den Tisch stellte er kleine weisse Knöchlein auf, wie von Kinderfingern, und zündete sie an, wie Kerzenlichter eins nach dem andern, und wahrhaftig sie brannten alle bis auf eines. Das wollte nicht angehen. Da zählte der Knecht die Knöchlein: es waren ebenso viele, wie Leute auf dem Hof ausser dem Geissler selber. Der machte seltsame Gebärden und murmelte dazu Worte, die der Knecht nicht verstand. Da ward er inne, dass jener daran war, alle Hausbewohner durch einen Zauber in einen Schlaf zu versenken, aus dem sie ohne seinen Willen nicht wieder erwachen könnten. Aber das eine Knöchlein brannte noch immer nicht. Der Geissler erriet bald, wer da noch wachen möchte, dass sein Zauber keine Gewalt über ihn hätte, denn es war ihm nicht entgangen, wie das forschende Auge des Knechtes ihm ins Innerste geschaut. «Den will ich zuerst kalt machen!» knirschte er und griff nach einer Axt. Aber der Knecht draussen hatte ebenso flinke Beine wie scharfe Augen- und war schon die Stiege hinabgeflogen und rannte aus dem Haus was seine Füsse vermochten übers Feld nach dem Schwandacker, um die Nachbarn zu Hilfe zu holen, denn er wusste wohl, dass die schlafenden Hausgenossen nicht zu wecken wären. Das Herz schlug ihm im Halse vor Angst, und er rief Gott um Hilfe an. Im selben war ein winzig kleines Männlein neben ihm zur Seite, fasste ihn bei der Hand, und ehe der Knecht wusste, was ihm geschah, war er schon im Nachbarhof. Die Leute folgten ungesäumt seinem Ruf, just als hätten sie nur darauf gewartet. Doch dem Knecht war alles Eilen nicht eilig genug. Er fürchtete, der Mörder möchte schon am Werke sein. An der Hand des seltsamen Männleins flog er den andern gedankenschnell voraus. Aber allemal, wenn er die Begleiter zu rascherem Lauf ermuntern wollte, legte der Kleine den Finger an den Mund und machte pst! pst! Als sie ins Haus gelaufen kamen, stand der Mordbube erst noch oben auf der Stiege, um nach unten zu gehen, dass er die Schlafenden töte. Ausser sich vor Wut warf er seine Axt gegen den Knecht. Da hob das Männlein die Hand, die Axt fiel zu Boden. Jetzt warfen sich die Männer auf den Bösewicht und erschlugen ihn.
Nun wollte man die Hausleute wecken, um ihnen zu sagen, welcher Gefahr sie eben entgangen seien. Aber sie schliefen alle, und schliefen fort und erwachten nicht, man konnte sie rufen und rütteln soviel man wollte. Da roch’s dem Knecht auf, er lief hinauf in die Gastkammer. Da brannten die Fingerknöchlein noch immer. Er löschte sie aus. Da war der Bann gebrochen, und drunten in der Stube wachten alle auf.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch