Der Schmied von Surava
Unweit von Surava droben im Tale der Albula lebte vor Zeiten ein Schmied. Der war schon uralt und weit und breit der einzige seines Handwerks, und so konnte es denn nicht fehlen, dass er mit den Jahren ein reicher Mann geworden war. Aber je mehr Geld seine Truhe füllte, um so ärger ward auch seine Gier nach Geld. Und so stand er unablässig vom ersten Morgengrauen bis zum letzten Abendrot in seiner Werkstatt, und der Blasebalg schnob und keuchte, die Esse zischte und sprühte, und die Asche stob. Und pink-pank hämmerte der Alte mit grimmigem Gesicht und wilden Augen das glühende Eisen, dass Flammen und Funken flogen. Und die Schläge klangen und sangen den lieben langen Tag:
Gold und Geld gilt!
Gold und Geld gilt!
Da trat eines Tages beim letzten Abendschein ein junger Geselle mit braunen Locken in die Werkstatt, den Ranzen auf dem Rücken und den Stab in der Hand. «Gott grüss euch, Meister!» sprach er. «Wahrlich, euch will ich’s gleich tun, wenn der Himmel mir Leben und Gesundheit lässt. Ich komme eben heim von langer Wanderschaft im Deutschen drüben und im Welschen drunten und bring einen schönen Schochen Geld mit. In Tiefenkastel will ich eine Schmiede auftun und Haus und Heim stiften.» So sprach der Jüngling arglos. Da aber erwachte im Herzen des alten Meisters bitterböser Neid und Groll. Doch liess er sich’s nicht merken, sondern sagte freundlich: «Willkomm, Willkomm, du wackerer Geselle!
Traun, daran tust du gut; denn ich bin alt und mag den Hammer kaum noch schwingen. Bald müssen jüngere Arme ans Werk. Doch komm herein in die Stube und nimm Vorlieb mit Tisch und Bett.» Und bald sassen der Alte und der Junge am Schiefertisch und nahmen das Nachtmahl ein: Brot und Fleisch und einen Becher Weines. Dann führte der Meister den Gast in die Kammer und wünschte ihm gute Ruh und stiess den Riegel vor die Tür.
Kaum aber war der Jüngling eingeschlafen, da schnallte der Alte mit einem bösen Lachen den Ledergurt satter und ging in die Schmiede zurück. Er nahm eine spitzige Eisenstange und stiess sie tief in die Glut und trat den Balg - es keucht und knistert, spritzt und sprüht, und blaue Flammen schwelen. Er drillte das Eisen, und als es glühend war, hämmerte er’s auf dem Amboss Schlag auf Schlag, und bei jedem Schlage knirschte er: Vor Mitternacht ist in Surava nur ein Schmied! Dann glühte er das Eisen noch einmal und schlich damit geschwind in die Kammer, wo der Jüngling im tiefsten Schlafe lag - und stiess den glühenden Stahl ihm in die Brust. Und gellend lachte er auf und rief:
«Nun bist du tot, der erst noch rot,
Mir aber bleibt mein täglich Brot!»
und schwingt jubelnd das Eisen über seinem Haupt. Die sprühenden Funken fahren in die Streu und schon loht die Kammer in Brand. Der Greis stürzt zur Tür, doch auf der Schwelle steht, weiss wie Schnee und leuchtend hell wie Sternenlicht der Tote und wehrt ihm die Tür. Der Alte fährt zurück; die Flammen fassen Gewand und Bart und Haar. Er kann nicht fliehn. Da ruft er gellen Schreis um Hilfe. Die Nachbarn erwachen und kommen herbeigelaufen, als eben das Haus zusammenstürzt. Und unter den rauchenden Trümmern finden sie bei Morgengrauen die verkohlte Leiche des Schmiedes, das Mordeisen noch in der Faust. Doch unberührt von Feuer, Schutt und Rauch lag der Leichnam des Jünglings, so schön wie im Leben. Beide wurden sie begraben, der Alte an der Brandstatt, der Jüngling auf dem Totenhof. Und auf dem Grab des Mörders wucherten Dorngestrüpp, Nesseln, Moos und Mies, doch aus dem Grabe des Ermordeten sprossen alle Jahre wieder Waldröslein, Myrten und Enzianen auf.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch