Die Blutbuche
Vor Zeiten hielt auf der Burg Wartau der edle Graf Wilhelm von Werdenberg Haus, den Seinen ein gütiger Vater und den Untertanen ein milder Herr. Aber eines Tages kehrte sein jüngerer Bruder, ein wilder verwegener Mann, aus fernen Kriegen heim und störte den Frieden. Er trachtete nach dem Besitze der Macht und sann darauf, wie er den Bruder der Herrschaft berauben und ihm seine Gemahlin entfremden könne.
Einmal als die Brüder selbander auf der Jagd waren, erschlug der jüngere den älteren meuchlings und gab vor, ein wilder Eber habe ihm den Tod gebracht. Und ohne Scham eignete er sich wider alles Recht und jede Sitte am selben Tag noch alles an, was dem Grafen zu eigen gewesen.
Nach Jahren, als er wieder einmal auf die Jagd ging und an der Stelle vorüberritt, wo er seinen Bruder ermordet hatte, da traf ihn aus heiterem Himmel der Blitz.
Nach drei Jahren aber wuchsen allda drei Buchen auf mit blutrotem Laube, und alljährlich am Todestage des Grafen hingen an deren Laube statt der Tautropfen Tropfen von Blut.
Einmal viele, viele Jahre darnach gingen bei Nacht vier muntere Spielleute bei den roten Buchen vorbei. Da fiel es ihnen ein, dem toten Grafen zu Ehren ihr bestes Stück zu spielen. Und mitten im Spiele stand aufs Mal der Graf vor ihnen, in einem leuchtend weissen Gewande. Er reichte jedem ein Blatt und war wieder verschwunden.
Drei von den Spielleuten warfen die Blätter achtlos weg. Einer aber behielt das seinige, und als er es am Morgen beschaute, war es von purem Golde.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch
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