Mutabor Märchenstiftung

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Der Scharfrichter von Zürich

Land: Schweiz
Kanton: Zürich
Kategorie: Sage

Vor vielen hundert Jahren war in der Stadt Zürich ein Scharfrichter. Schon neunundneunzigmal hatte er seines Amtes gewaltet. Da bat einmal ein Mann ihn als Paten für sein Töchterlein. Beim Taufmahl stiess der Götti auf das Wohl des Kindes an, und hell klangen die Gläser. Aber schrill erscholl ein anderer Klang. Das Blutschwert war unter dem Knauf entzwei gesprungen und fiel klirrend zu Boden. Der Scharfrichter erschrak; denn was geschehen, deuchte ihn ein böses Vorzeichen. Er schweisste das Schwert wieder zusammen und viele, viele Jahre blieb es in der Scheide.

So vergingen achtzehn Jahre. Da ward der Scharfrichter, der ein alter Mann geworden war, wieder in den Wellenberg entboten, um eine Bürgerstochter zum Tode zu führen, die ihr neugeborenes Kind mit eigener Hand erwürgt hatte. In diesem Mädchen erkannte der Greis sein Gottenkind. Er trat vor die Richter und bat für sie um Gnade. Aber das Urteil musste vollstreckt werden. Die Armsünderglocke erklang, und auf dem Rabenstein schlug er dem Kinde das Haupt ab. In seinem Herzen aber bat er Gott, dass er nimmer das Schwert zur Hand nehmen müsse. Und also geschah: Starr und stumm lag der Alte am Morgen auf seinem Lager.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch