Mutabor Märchenstiftung

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Gewiss ist der Tod, doch ungewiss die Stunde

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Im Schlosshof der Lenzburg stand eine alte Standuhr. Auf dem Gehäuse war der Spruch gemalt:«Gewiss ist der Tod, aber ungewiss die Stunde.»

Es mag wohl etwa dreihundert Jahre her sein, da wurde auf der Landstrasse von Guntwil nach Zetzwil eines Morgens ein toter Mann gefunden, des Nachts von unbekannter Hand erschlagen. Man forschte und fahndete nach dem Mörder, aber man fand ihn nicht Da liess der Landvogt der Leiche ein Knöchlein entnehmen und als Griff an den Zug der Schlossglocke hängen, an der ein jeder läuten musste, der Recht ansprechen wollte oder Hilfe suchte. Die Mordtat aber geriet in Vergessenheit.

Nach langen Jahren kam eines Tages ein alter Landfahrer aufs Schloss, um ein Almosen zu heischen. Er langte eben nach dem Glockenzuge, um zu schellen, als aufs Mal die alte Uhr im Vorhof gellen Schlages schlug; so hell, dass der Bettler sich erschrocken umwandte. Da sah er den Spruch in schwarzen Lettern stehn, und er fuhr zusammen, und sein Antlitz ward finster. Er stand eine Weile und sann, dann zog er hastig die Glocke. Und wie es schellte da troffen schwere Blutstropfen von dem Griff des Glockenzuges, und ein Regen von blutigem Tau besprengte den Greis über und über.

Der Pförtner schloss auf, und als er den blutbesudelten Fremdling vor der Pforte erblickte, schlug er Lärm und die Schergen ergriffen den Mann.

Vor dem Landvogt bekannte der Alte, er sei es gewesen, der einst vor Jahren jenen Mann ermordet habe. Das Urteil wurde gesprochen und der Mörder zur selben Stunde gerichtet.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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