Der König und der Scherer
In einer Stadt war ein grosser Marktplatz, wo das Volk von weit und breit zusammenkam, denn was Sinn und Herz begehren mochten, ward da allemal feilgeboten. Auch viel Kurzweil gab's und Fröhlichkeit, wie es den Leuten wohl gefällt, die nach der Müh' und Arbeit langer Werktagswochen sich zuweilen auch einmal einen guten Tag ohne Sorge und Beschwer zu machen lieben. Einmal kam auch ein hochgelehrter Meister, reich an mancherlei Künsten, auf den Markt und tat dergleichen, als wäre er ein Kaufmann. Er schlug unter den anderen Verkaufsständen auch eine Krambude auf und sprach: «Hört, gute Leute, wer immer will, dass es ihm wohl ergehe im Leben, der kaufe, was ihm dazu verhilft. Grosse Weisheit hab' ich feil.» Und alsbald hub das Volk an, sich zu drängen und staunte mit offenem Maul und grossen Augen, und ward ein Raunen und Reden. Denn ein jeder war begierig nach so köstlicher Ware. Ja auch vor den König kam die Rede von dem Wundermanne. Der sandte alsbald seine Diener aus, dass sie ihm von dieser Weisheit kauften, wieviel immer zu haben sei. Und schnelle sollten sie reiten, damit sie nicht erst kämen, wenn sein Laden leer geworden. Und geben sollten sie dem Manne jeden Preis, den er heische. Die Diener nahmen soviel Silbers mit sich, als sie tragen konnten, und machten sich ungesäumt auf den Weg. Als sie zu dem Meister kamen, bahnten sie sich einen Weg durch die Menge und sprachen: «Herr, wir sind zu Euch her gesandt vom König. Der gebietet Euch, dass Ihr dies Silber alles nehmen möget und ihm dafür die Weisheit gebet, die Ihr habt.» Der Meister nahm das Silber, setzte sich nieder und schrieb auf ein Blatt ein Wort, faltete es zusammen und reichte es den Dienern dar. «Gehet heim», sprach er, «und überbringet eurem Herrn diesen Spruch von mir. Der lautet:
Du sollst das End’ ansehen Deiner Werk’, und was geschehen; Dir darum möge künftiglich: Der Weisheit stets befleisse dich.
Die Diener deuchten diese Worte ein Spott, und sie ärgerten sich über das schöne Geld, das also nutzlos verloren sei. Dem König aber gefiel der Kauf recht wohl, denn das Wort schien ihm grosser Weisheit voll zu sein. Und mit goldenen Buchstaben hiess er es an die Türe seines Gemaches schreiben, dass jeder, der da vorübergehe, es lesen möchte.
Derselbe König hatte aber viele geheime Feinde, die ihm nach dem Leben standen, wenn immer eine Gelegenheit sich böte, ihn zu töten durch Meuchelmord, also dass ihre Missetat verborgen bleibe und sie nicht in Not darum kämen. Die kamen verstohlenerweise zusammen und hielten Rat, wie sie den Anschlag bewerkstelligen möchten. Der eine sagte dies, der andere jenes, doch zuletzt kamen sie überein, sie wollten dem Bartscherer des Königs grossen Lohn geben, dass er den König umbringe das nächste Mal, wenn er ihn wieder scheren sollte. Aber erst wenn er es getan habe, dann werde er das Geld bekommen. Doch als der Scherer zum König ging mit dem Vorsatz, ihm mit dem Schermesser unvermerkt die Kehle zu durchschneiden, da las er zum ersten Mal die Schrift, die an der Tür geschrieben stand:
«Du sollst das End’ ansehen Deiner Werk, und was geschehen; Dir darum möge künftiglich: Der Weisheit stets befleisse dich.»
Da erschrak er zuinnerst in seinem Herzen, so dass er am ganzen Leibe zitterte und bebte und bleich ward wie der Tod. Der König entsetzte sich, als er den Scherer so bleich und zitternd sah, und er sprach zu ihm: «Sag an, was ist dir geschehen? Du siehst ja aus als wie der leibhaftige Tod.» Da bekannte der Scherer, dass er den König habe ermorden wollen. Aber die Schrift an der Tür habe sein Herz gewendet, so dass er es nimmer mehr über sich gebracht, die Hand gegen seinen Herrn zu erheben. Also behielt der König sein Leben. Seine Feinde aber verloren alles, was sie hatten, nur das Leben liess er ihnen. So brachte ihm das Wort, das er um so teures Gut gekauft, mehr ein, als er darum gegeben.
Ein guet End’ machet alles guet,
Ein guet End’ niemerem übel tuet.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch