Mutabor Märchenstiftung

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Bocapan

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In einem Dorfe war einmal ein junger Bursche, er mochte wohl achtzehn Jahre oder darüber sein, der hatte auf einer hochgelegenen Alp als Zuhirt Dienst genommen. Er war hochgewachsen, aber hager am ganzen Leib und so bleich im Gesicht, man hätte meinen können, er sei auf den Tod krank. Zur Arbeit wollte er nicht viel taugen; er liess sich gehen und treiben aus üblem Hang und schlechter Gewohnheit. Daheim im Dorf sagte man ihm nur Bocapan, das heisst Brotfresser.

Auf der Alp, wo er sich verdingt hatte, kannte man seinen Übernamen gar wohl, denn sein Ruf war ihm zuvorgekommen, und bald ward man seines Wandels inne. Und so wurde er denn auch der Sündenbock aller seiner Mithirten. Wenn er etwas versäumte oder sonst versah, dann hagelte es allemal von allen Seiten Scheltworte oder gar Schläge. Niemand mochte ihn leiden, und so hatte er keinen einzigen Freund unter den Sennen. Da wurde er je länger, je scheuer und argwöhnischer und misstraute allen. Am Ende sprach er kaum noch ein Wort zu jemand, ging immer für sich allein und grübelte und träumte. Und meistens waren es schwarze Gedanken, denen er nachhing.

Eines Tages nun, als er in die Ebene hinabgeschickt wurde, um neue Vorräte heraufzuholen, da trat das junge Füllen, das dem Mutterpferde in lustigen Sprüngen nachlief, zu allem Ungefäll fehl und stürzte über das Wegbord ab in die Runse eines Wildbachs hinunter. Was nun? Davonlaufen, um den Schmähungen und Schlägen der Sennen zu entgehen, nein, das konnte er nicht, denn dadurch hätte er sich ja schuldig bekannt, und alles wäre nur noch schlimmer geworden. Und so nahm der Bub denn allen seinen Mut zusammen und ging zur Hütte zurück. Aber es kam, wie er gefürchtet: Was er auch sagte, um zu erklären, wie das Unglück sich ereignet habe, es half alles nichts: Sie schlugen ihn mit ihren Knotenstöcken windelweich, so dass er kaum noch stehen und gehen konnte, und drohten ihm obendrein mit Kerker und Galgen. Da beschloss Bocapan unter tausend Flüchen und Verwünschungen, sich ohne Lebewohl davonzumachen. Und kaum war es Nacht geworden, so schlich er sich mit schmerzenden Gliedern fort. «Wartet nur, ihr Bösewichter!» murmelte er und biss die Zähne zusammen und schüttelte seine Fäuste gegen die Hütte, «euch werde ich noch einmal alles heimzahlen, was ihr mir angetan habt.»

So ging er Rache sinnend auf einem Querpfade dahin der grossen Passstrasse zu. Da gesellte sich plötzlich ein fremder Herr zu ihm und sprach ihn an: «Wohin, wohin so eilig und so spät in der Nacht, junger Mann?» fragte er freundlich. «Ich gehe heim ins Dorf», antwortete Bocapan mürrisch. «Aber die Alpung ist ja noch nicht vorüber», sagte der Fremde, und seine Augen glühten in der Dunkelheit wie die Kohlen in einer Schmiedeesse. «Nein, nein, das gib einem anderen an, nicht mir. Ich weiss schon, wo dich der Schuh drückt, mein guter Junge.» Da brach Bocapan in Tränen aus, und er klagte dem Herrn des langen und breiten seine Not und sein Leid. «Nur getrost, junger Freund», unterbrach ihn der Unbekannte, «kehr nur ruhig um und geh getrost zurück, als ob nichts geschehen wäre. Wisse, ich nehme an deinem Geschick gar innig teil. Und ich will dir zu Rache verhelfen, wenn du nur tust, was ich dir rate. Aber zuerst musst du stark werden wie ein Bär. Merk auf und behalte wohl, was ich sage: Nähre dich von anderer Speise nicht als von der Milch der Stute, die euch als Handpferd dient, dann werden deine Kräfte von Tag zu Tag wachsen. Und dann nimm hier dieses kleine Messer, und hüte dich, es zu verlieren; denn ihm wohnt eine Zauberkraft inne, deren Wirkensmacht du später sehen sollst. Nur musst du es stets auf dir tragen, und du wirst unüberwindlich sein.» Mit diesen Worten ging der Unbekannte mit grossen Schritten davon und entschwand im Dunkel, indes Bocapan starr wie ein Stein stehen blieb, wo er stand, ganz sturm im Kopf. Als er wieder zu Sinn und Gesicht kam, lief er ungesäumt zur Hütte zurück, wo Menschen und Vieh in tiefem Schlafe lagen. Und niemand erfuhr etwas von seinem Abenteuer.

Den Sommer aus begab sich nichts Besonderes. Bocapan, dem erhaltenen Geheiss getreu, nahm nur die gebotene Nahrung zu sich und ward stärker und stärker mit jedem Tag, der ging. Wohl hatte er mitunter manche Püffe und Knüffe auszuhalten, aber das war er gewohnt, und so war ja weiter nichts dabei. Einer der Sennen aber der im Rufe stand, einer der stärksten Burschen der Gegend zu sein nahm eines Tages Bocapan wegen einer kleinen Versäumnis vor und wollte ihm mit einem frischgeschnittenen Stecken eine Tracht Prügel verabfolgen. Aber das bekam ihm übel. «Ja, komm du nur her!» schrie Bocapan, packte ihn, hob ihn in die Höhe und warf ihn mit solcher Wucht rücklings zu Boden, dass ihm einige Rippen im Leibe zerbrachen. Und damit hatte der Mann genug bekommen.

Seit dem Tage mieden die anderen Sennen und Hirten Bocapan. Sie machten heimlich ab, sie wollten ihn bei der Obrigkeit verzeigen, dass er den andern habe ermorden wollen. Und nach der Abfahrt wurde Bocapan auch festgenommen und in den Kerker geworfen, obwohl er im Verhör seine Unschuld beteuerte. Er schrie und weinte, schlug und stiess gegen die schwere Eisentür - vergebens. Da plötzlich kam ihm die nächtliche Begegnung mit dem Fremden in den Sinn. Gleich griff er in seinen Hosensack und fand richtig das Zaubermesser. Er ging zur Türe, schlug mit dem Heft drei Schläge daran, und siehe da, sie ging lautlos von selber auf. Eine zweite und dritte Türe ebenfalls. Die Wächter schienen ihn nicht zu bemerken. Und seltsam: als man am andern Morgen das Nest leer und den Vogel ausgeflogen fand, da setzte man ihm nicht nach. Es war grad, als hätte man ihn vergessen.

Bocapan aber ging eilig auf der Landstrasse seinem Dorfe zu und sann nach, wie er sich an seinen Verleumdern rächen möchte, wenn er heimgekommen wäre. Aber aufs Mal ging wieder der fremde Herr im grünen Kleide, mit einem roten Mantel, neben ihm her und sprach mit freundlicher Stimme: «Nun wohl, junger Freund, jetzt ist’s an der Zeit, dass ich dir mein drittes Geheimnis anvertraue, ebenso unfehlbar wie die vorigen Räte. Gelüstet es dich nach Wein, ohne dass es dich einen Rappen kosten soll, so wähl dir nur einen beliebigen Baum aus, stoss die Schneide deines Messers in die Rinde, und der Wein wird in Strömen aus dem Stiel rinnen. Es ist jedoch nötig, dass du dich allemal genau erinnerst, wo die Fässer stehen und wie sie gestellt sind, die du anstechen willst.» Und damit war der Fremde wieder verschwunden. «Ei der Tausend!» dachte Bocapan bei sich, «das will ich auf der Stelle erproben.» Er blieb vor einem mächtigen Lärchenbaum stehen, dachte fest an des Meistersennen Weinfass und tat wie jener gesagt und trank sich schier von Sinnen, so gut schmeckte ihm das gestohlene Nass. Und als er heimkam, da war sein Durst erst recht unauslöschlich geworden. Aber der Gaumen brannte ihm nicht lange. Mit Hilfe des Zaubermessers zapfte er allen sieben Mithirten unbemerkt ihre Fässer im Keller leer, und danach anderen, die er nicht leiden mochte. Den Leuten im Dorf erschien er je länger, je unheimlicher, und alle hatten sie Angst vor ihm und hielten sich ihn vom Leibe.

Als Bocapan zwanzig Jahre alt wurde, da erschien ihm der Unbekannte zum dritten Mal und sprach: «Höre, mein junger Freund, mein viertes Geheimnis wird dich schwerer deuchen als die anderen. Aber so ist es nicht. Wenn man einen Feind züchtigen will, wie es sich für die erlittene Unbill gehört, wenn man die Gabe der Allgegenwärtigkeit erlangen kann, die Fähigkeit, sich, schnell wie der Gedanke, nach allen Orten begeben zu können, dann wird keine Mühe zu schwer und kein Opfer zu gross sein. Also merk auf: Geh heute Abend in der Dämmerung und lege dich unten an der Brücke über die Schlucht auf die Lauer, und wenn eine Frau, die guter Hoffnung ist, vorübergeht, dann wirf sie in die Schlucht hinunter, wo sie am tiefsten ist. Hernach steig selbst hinab, reiss ihr das Kind aus dem Leibe und verschling dessen Herz. Wenn du sieben Herzen ungeborener Kinder verzehrt hast, dann wirst du meinesgleichen sein und das Vermögen haben, zu fliegen.» Ehe Bocapan antworten konnte, war der Fremde verschwunden.

Unlang, so verschwand eine junge Frau der Gegend spurlos. Man suchte und suchte aller Orten vergebens nach ihr. Um sein ruchloses Verbrechen zu verbergen, hatte der Mörder grosse Blöcke über sein Opfer gewälzt. Kurze Zeit darnach verschwand abermals eine Frau  auf ebenso unerklärliche Weise. Schrecken befiel das Volk.

Aber bald darauf hatten zwei Dorfschaften, jede den Verlust einer Fau zu beklagen, und wenig später zwei andere Dörfer. Die Leute trauten sich vor Angst kaum noch aus den Häusern, und da der Täter verborgen war, begannen sie einander gegenseitig zu beargwöhnen. Einige hatten insgeheim Bocapan im Verdacht, da er allnächtlich umherstreifte, und sie ziehen ihn bei sich des Verbrechens. Aber weil sie keine sicheren Beweise hatten und aus Klugheit, schwiegen sie stille. Wenn es sich so traf, dass vor Bocapan die Rede darauf kam, da lachte er höhnisch auf und sagte immer nur: «Ich für meinen Teil, ich glaube, dass das von der Messerkrankheit kommt», und damit liess er die Leute stehen.

Unterdessen geschah freilich eine Weile nichts mehr, und die Bevölkerung beruhigte sich allmählich wieder. Da, eines Abends, war eine Frau in das nahe Städtlein gegangen, um Medizin für ihren kranken Mann zu holen. Auf dem Heimweg, als sie eben über die Brücke ging, erblickte sie plötzlich Bocapan, der auf sie zu warten schien. Sie ging jedoch entschlossen weiter und gewahrte, als sie näher kam - o Schrecken -, wie er ein blutiges Messer in der Faust hielt. Die Frau liess sich aber ihre Angst nicht merken. Sie ging geradeswegs auf Bocapan zu. Der wandte sich zur Flucht. Da rief sie mit lauter Stimme ihm nach: «Sieh, sieh den gewaltig grossen Fisch dort unten!» Bocapan blieb stehen und lehnte sich über das Bord, um darnach zu sehen. Da sprang die Frau auf ihn zu, packte ihn mit aller Kraft und stiess ihn in die Schlucht hinunter. Im Fall entglitt ihm das Messer, ihn selber aber ergriff das Wildwasser und riss ihn mit sich fort, indes die Frau, so schnell ihre Füsse sie trugen, ins Dorf rannte. Vor dem ersten Hause rief sie: «Schnell, schnell, verbergt mich! Bocapan ist hinter mir her.» Die Leute kamen herausgelaufen und stülpten eine Bütte über sie und stellten sich im Kreise darum herum. Da kam auch schon der Mörder wutschäumend angerannt, vor Nässe triefend, keinen trockenen Faden am Leibe. «Beeile dich, Bocapan, beeile dich!» rief einer ihm zu, «eben ist eine Frau hier vorbeigekommen.» Bocapan fragte nicht lange und lief und lief quer durchs ganze Dorf bis vor das andere Tor. Aber das war geschlossen, und plötzlich traten Schergen hervor, nahmen ihn fest, fesselten ihn an Händen und Füssen und brachten ihn in die Stadt, wo er in den Turm geworfen wurde.

Am Tage darnach wurde Bocapan verhört. Mit dem Zaubermesser hatte er auch die Gabe, zu verschwinden, verloren. Er gestand seine grauenhaften Untaten ein. Er wurde gerichtet und zum Feuertode verurteilt. Auf dem Schindanger vor der Stadt ist er verbrannt worden.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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