Mutabor Märchenstiftung

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Wer war der Narr?

Land: Deutschland
Kategorie: Sage

Kaiser Maximilian liess einst seinen Räten zu Innsbruck einen Vorschlag machen in irgendeiner Staatssache. Der Reichsrat wollte aber nicht darauf eingehen und beschloss einen abschlägigen Bescheid. Doch nun getraute sich keiner der Herren, dem Kaiser die Antwort zu überbringen, da keiner sich Allerhöchstderoselbst Ungnade zuziehen wollte. Butsch, der Schriftführer der Kanzlei, liess sich zuletzt willig finden; denn der Kaiser hielt grosse Stücke auf ihn. Er ging also zum Kaiser und überreichte ihm die Schrift. Der Kaiser stand an seinem Tisch und las sie. Unterm Lesen aber wuchs ihm der Unmut, also dass ihm die Adern am Halse aufliefen und gross wurden. Nachdem er ein Stück weit gelesen hatte, sagte er unwirsch: «Butsch, der Rat ist ein Narr!» Der Butsch bückte sich tief und sagte: «Allergnädigster Kaiser, der Rat ist kein Narr!» Der Kaiser schien jedoch diese Worte gar nicht gehört zu haben; er las weiter.

Über eine Weile sprach er wieder zu Butsch: «Wohlan Butsch, so bist du ein Narr!» Butsch bückte sich wieder tief und sagte: «Allergnädigster Kaiser, ich bin kein Narr!» Der Kaiser lächelte ob dieser Rede und las fort. Über eine Weile sprach er: «Wohlan, Butsch, so bin ich ein Narr!» «Butsch bückte sich tief und sagte: «Allergnädigster Kaiser, das ist wahr, das ist wahr!» Da musste der Kaiser also lachen, dass ihm aller Zorn verging. Dem Butsch ging das so hin. Bei einem anderen wär es nicht so gewesen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch